Tübingen

Die junge Tübinger Theologiestudentin Regula Rothschuh hat die ganze evangelische Landeskirche Württembergs durcheinandergebracht. Hat sie doch gewagt, in ihrer Examenspredigt an der traditionsbeschwerten Theologenpflanzstätte eines Eduard Mörike oder Friedrich Hölderlin ihre Lehrer mit der Erkenntnis zu erschüttern: „Das Handeln der Kirche ist im großen und ganzen fruchtlos. Die Kirche ist viel zu sehr mit den Symptomen beschäftigt; sie muß sich mit den Ursachen der Unmenschlichkeit befassen.“

Die junge Frau, mit einem Kandidaten der Theologie verheiratet, hatte es sich genau überlegt: Acht Semester Studium hatten ihr keine Antwort, sondern nur Fragen aufgegeben. Sie machte es an einem persönlichen Erleben deutlich: Ihre Nachbarin liegt seit Jahren, seit einem Unfall, hilflos im Bett und ist des Lebens überdrüssig. Ihr erzählt Regula häufig, wie es den anderen Bekannten geht, was draußen in der Stadt geschieht. Und da hat es die Studentin selbst erlebt: Plötzlich fing die Kranke wieder an zu lachen, plötzlich kam jene wieder „ein bißchen ins Leben“. – „Sollte ich ihr, statt sie zu unterhalten, von einem besseren ewigen Leben erzählen?“ Mit dieser Frage beendete Regula Rothschuh ihre Predigt. Mit dieser Frage gab sie das Thema für die nächste Synode in Stuttgart.

Vor allem eine Gruppe junger Pfarrer, die Mitglieder der Vereinigung „Kritische Kirche“ in Württemberg, sind es, deren Sympathien ganz und gar Frau Rothschuh gelten. Sie geben sich nicht mit dem Bescheid von Landesbischof Eichele zufrieden, der an die Examenskandidatin geschrieben hat, sie sei „leider an Vorentscheidungen gebunden, die es uns unmöglich machen, Sie zum Dienst der Verkündigung zu verpflichten“. Dies ist das Ergebnis eines Gesprächs, zu dem drei Oberkirchenräte Frau Regula mit ihrem streitbaren Ehegatten eingeladen hatten.

In diesem Disput ging es vor allem um die Fragen, ob man rechtfertigendes Evangeliumswort und christliche Tat so auflösen könne, daß nur noch die humane Aktion konstitutiv sei und ob ein humanitär orientierter zwischenmenschlicher Mitteilungsprozeß an die Stelle der durch die Schrift verbürgten Nachricht Gottes treten könne. Regulas Antwort: „Nicht um das Reden über Erkenntnis geht es, nicht um Formeln – sondern damit bleiben wir bei Jesus, indem wir versuchen, Leben zu ermöglichen.“

Letztlich geht es der Kandidatin, deren Offenheit und Redlichkeit ausdrücklich die Anerkennung des Bischofs gefunden hat, um den Begriff der Autorität in der Kirche. Sie erinnerte in ihrer Predigt daran, daß am Anfang die Kirche charismatisch strukturiert gewesen sei, heute aber werde sie von Theologen beherrscht, die in eine Hierarchie gebunden seien. Und dann ihr Vorwurf „Die Kirche stellt das Wort Gottes als Autorität auf, an der sich alles Handeln zu messen hat. Die Kirche verteidigt diese Autorität mit allen Mitteln, denn darin sieht sie gerade ihr Spezifikum, das sie von anderen humanitären Organisationen unterscheidet.“ Die Quintessenz: „Demokratie kann es aber nicht geben neben einem absoluten Autoritätsanspruch“.

Das nun war den Kirchenvätern zuviel. Oberkirchenrat Bofinger kam zu dem Schluß, daß die beiden Rothschuhs sich nicht mehr in der Lage sähen, theologische Aussagen zu machen; vielmehr, wollten sie solche Aussagen durch ein neues Denkmodell ersetzen. Oberkirchenrat Gottschick machte es sich noch einfacher; er sagte, Frau Rothschuh habe das Thema verfehlt, sie habe sich über den vorgegebenen Bibeltext kaum Gedanken gemacht. In den Augen der Würdenträger erschien Regula Rothschuh plötzlich als eine Person, die den Dienst am Nächsten nur als Plattform für den Umsturz der Kirche sieht.