Profis sind dort populärer
Vivian J. Chalvin, der Präsident der Athletic Association von New South Wales, den wir in seinem im Renaissancestil erbauten prächtigen Schloß in der Sydney-Bucht, unweit des wie aus Betonmuschelschalen zusammengefügt wirkenden, immer noch unvollendeten Opernhauses, besuchten, sagte, daß die olympischen Athleten in Australien zwar ein durch ihre Erfolge immer erneut erhärtetes Ansehen genössen, daß aber Rugby und Tennis eindrucksvoller durch die Repräsentation ihrer so leistungsstarken Berufsspieler, die hervorragenden Golfprofis, die aus dem zahlreichen Nachwuchs dieses australischen Volkssports heraufwüchsen, populärer seien.
Arthur Hodsdon, der Generalsekretär der australischen Amateur-Athletic-Union, wies darauf hin, daß Ralph Doubells Goldmedaille über 800 m, der 18jährige Doppelsieger im 100-m- und 200-m-Freistilschwimmen, Michel Wenden, Lynette Mc. Clements, die Siegerin über 100 m Delphin, Peter Norman, der, nachdem die schwarzen Läufer über 100 m „unter sich“ waren, sie als zweiter über 200 m, wie auch der Deutsche Eigenherr als achter, weiß „durchlöcherte“, der erste und zweite Platz im 80-m-Hürdenlauf durch Maureen Caird und Pamela Cilborne, Raelene Boyles zweiter Platz über 200 m Frauen gegenüber den mit so allmächtigem Anspruch auf die Szene getretenen Yankees bestanden hätten. Neben Wendens olympischen Siegen bewiesen die Schwimmstaffeln, der dritte Platz im 1500-m-Freistil, daß man sich in Australien weiter bemühe, die Jugend in dieser Disziplin leistungsfähig zu machen. Die Arbeit in des Delphinspezialisten Forbes Carlile Trainingszentrum in Rhydl, einer Vorstadt von Sydney, habe erheblich zu diesem Fortschritt beigetragen. Die Meinung herrsche vor, die Kampfkraft der australischen Frauen, der zweite Platz im Achter, der gleiche im Hockey trugen zu diesem Urteil bei, daß man in Mexiko einigermaßen („not too bad“) abgeschnitten habe.
Wie es mit Lohnausfall und Spesenersatz für die Athleten seines Landes bestellt sei, fragte ich den erfahrenen „Funktionär“ Hodsdon, der seit 1948 unverdrossen seine umfangreiche Arbeit verrichtet. Möglicherweise legte ich sein Augenzwinkern falsch aus. Er antwortete: „Unsere Amateure müssen in den vorgeschriebenen Grenzen zurechtkommen, auch manchen Lohnausfall in Kauf nehmen.“ Ob Ralph Doubell, der nach beendetem Studium Abteilungsleiter bei Shell geworden sei und nach einer Wettkampfreise durch das ganze Land – wie auch Ron Clarke – an Hallenkämpfen in den USA teilnehme, sein Gehalt, 3000 australische Dollar im Jahr (etwa 15 000 DM), weiter erhalte, wenn er die Zeit seiner ihm zustehenden Ferienwochen überschreite, hänge von seiner wohl nicht uneinsichtigen Firma ab. Übrigens verdiene Ron Clarke, der seine Laufbahn bis München 1972 fortsetzen will, als Buchhalter in Melbourne ebensoviel. „Es gibt sportbegeisterte Arbeitgeber“, fuhr Hodsdon fort, „die auf Abzüge verzichten, wenn der Athlet ihr Ansehen und das des Landes durch Wettkampfsiege zu heben vermag. Ist aber seine Laufbahn beendet, dann sind in erster Linie Fleiß und Tüchtigkeit für sein Weiterkommen ausschlaggebend. John Landy, der einmal den Weltrekord über eine, Meile hielt, holte alle durch Training und weite Fahrten versäumte Studienzeit in kurzer Frist nach. Seit Jahren ist er Lehrer an der Geelong Grammarschool unweit Melbournes. Der Olympiasieger 1960 über 1500 m, Elliot, würgt sich als Versicherungsvertreter recht erfolgreich ab. Von Veranstaltungen, in denen Berufsläufer, die von Wettlustigen, für die ja Pferderennen die Hauptattraktion sind, umdrängt, Vorgaberennen austragen, ist bei uns nicht mehr viel die Rede. Die hatten ihren Höhepunkt, als bei uns die Jamaikaleute (McKenley vor allem) kassierten.“ Mein Gesprächspartner flüsterte mir ins Ohr: „Jack Clarke, immer noch Kapitän der Rugbyvertretung des Staates Victoria, ist bei uns populärer als sein Bruder Ron. Bei dieser nach ‚Australien rules‘ ausgetragenen Art des Spiels – der eirunde Ball darf nicht im Lauf getragen werden, Wurf, Schlag mit den Fäusten und Fußkick befördern ihn voran – kämpfen in der Spitze Profimannschaften gegeneinander. Jack wird wohl seine 10 000 Dollar (etwa 45 000 DM), im Jahr einstecken.“





