Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Männer haben mehr Eßdisziplin. Frauen mogeln lieber; sie sind infolgedessen ideale Opfer aller Wunderdiäten. Vor genau zehn Jahren hatte die amerikanische Zeitschrift "Life" in einem Artikel über blitz methods zum Schlankwerden die Mittvierzigerin beschrieben: Sie ernährt sich verbissen und wortgetreu nach der neuesten "garantiert erfolgreichen" Diät von Gesundheitskeksen und vitamush, bricht nach zehn Tagen vollkommen erschöpft zusammen und wiegt nach abermals zehn Tagen fünf Pfund mehr als vor der Kur. "Ich sehe die Frau von 1969", so ließ damals "Life" prophezeien, "sie trägt die Ausschnitte aus der neuesten Frauenzeitschrift in der Handtasche mit sich herum und ernährt sich zeitweise nur von Kohl, Zitronensaft und Buchweizenschalen. Und sie wird am Schluß garantiert ihre zehn Pfund zugenommen haben, wodurch sie 140 Pfund wiegt."

Nur zweierlei ist anders gekommen: Die Frau von 1969 trägt keine Zeitungsausschnitte, sondern die Punktdität in der Handtasche, und ihr Gewicht steigt nicht von 130 auf 140, sondern von 140 auf 150 Pfund.

Was also? Zehn Jahre Stimmen und doch kein Erfolg abzusehen? Sind alle Abmagerungskuren falsch gewesen? Liegt Dicksein nicht am Essen? Oder haben wir unseren Speck so gern? Woran also liegt es dann, daß Kurfasten dennoch modern geblieben ist?

Goethe zog nach Marienbad, amüsierte sich und trank auch ein wenig Wasser. Die Kur hatte mehr gesellschaftlichen Effekt.

Aus der Generation der Großeltern zog man nach Karlsbad, amüsierte sich ebenfalls, trank Wasser und verzehrte eben nicht an jedem Abend ein Gala-Ball-Souper von acht Gängen. Die Kur hatte ebenfalls noch gesellschaftlichen Effekt und war auf schlichter Logik – weniger essen, mehr bewegen – aufgebaut.

Unsere Eltern erlebten die erste Welle der Reformbewegung mit und wurden mit Kohlwasser entschlackt und dünngehungert.