Von Fred K. Prieberg

Herr Professor Werner Egk, der berühmte Komponist, hatte kein Verständnis für den Zorn eines jungen Mannes; am 27. Februar erwirkte er eine Einstweilige Verfügung gegen den Carl Hanser-Verlag in München und gegen den in Amsterdam lebenden Komponisten Dr. Konrad Boehmer. In einem von Hanser publizierten Sammelband „Kritik / von wem / für wen / wie“ hatte Boehmer behauptet, Egk sei „eine der übelsten Figuren nationalsozialistischer Musikpolitik“ gewesen.

Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, berührt er doch in Jahrzehnten gewachsene und durch gesellschaftliches wie künstlerisches Renommee gefestigte Autorität. Die Anwälte des Verlages, verschreckt durch den Streitwert von 30 000 Mark, ließen sich auf einen Vergleich ein. Das Buch soll weiter verkauft werden – und sei es mit einem dicken, schwarzen Strich statt jener schlimmen Worte.

Wußte Boehmer nicht, was er schrieb? Wer ihn als zwar hitzigen, aber klaren und reflektiven Geist kennt, weiß, daß er die Quellen studiert hat. Wenn er den Wahrheitsbeweis antreten soll, wird er das faszinierend-schillernde Bild einer Generation entwerfen, die sich – halb gezogen, halb hingesunken – von Politikern korrumpieren ließ.

Darauf nämlich läuft Egks Biographie der Zeit von 1933 bis 1945 am Ende hinaus: Sie muß die Stationen des Erfolges nachzeichnen, den Höhenflug einer Karriere skizzieren, immer eingedenk der Tatsache, daß niemand im Dritten Reich Karriere machte, den die Nationalsozialisten nicht wollten. Sie muß Ausflüchte und Entschuldigungen werten, Motive durchschauen. Sie muß das Unverständnis der Jugend – Boehmer, Jahrgang 1941, zählt zu den glücklicherweise Zuspätgeborenen – angesichts der Behauptung formulieren, daß es möglich gewesen sein soll, antinationalsozialistisch gedacht und gehandelt und gleichwohl 40 000 Mark im Jahr verdient zu haben... so wie Egk.

Egk war nicht Mitglied der NSDAP. Daher konnte er dem Gericht jenen Bescheid vorlegen, mit dem die Spruchkammer München-Land ihm am 17. Oktober 1947 bestätigt hatte, er sei nicht vom Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus betroffen. Das Protokoll zeugt für die Fragwürdigkeit solcher Verfahren. Der „Persilschein“ war alles, und so hörte die Kammer freundliche Worte von Heinrich Strobel, dem Herausgeber der Musikzeitschrift „Melos“, von dem Dirigenten Hans Rosbaud und anderen, darunter den Kollegen Erich Kloss, einst Dirigent des NS-Reichssinfonieorchesters, Fritz Büchtger, Schöpfer zweier Parteikantaten, Hans Sachse, der Reich und Führer damals ebenso eifrig besang, und Wilhelm Gutknecht, Landesleiter der Reichsmusikkammer, wiewohl er sich der Spruchkammer bescheiden als „Referent“ vorstellte. Von Befangenheit keine Spur!

Die Spruchrichter folgten dem Gesetz. Dennoch mahnten sie: „Jeder, der seine Leistung und seinen Namen dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellte, hat damit eine Schuld auf sich geladen. Auch Egk kann dieser Vorwurf nicht erspart werden.“