Von Theo Löbsack

Sind die Neger von Geburt an dümmer als die Weißen? Hat sie der liebe Gott benachteiligt, und müssen sie den Makel nun hinnehmen wie ein Naturereignis, das – in den USA – ihr ohnehin gespanntes Verhältnis zu den Weißen neuerlich belastet?

Diese Fragen haben den Zündstoff für eine leidenschaftliche Auseinandersetzung in der amerikanischen Öffentlichkeit geliefert, nachdem Professor Dr. Arthur R. Jensen, ein namhafter Psychologe an der Berkeley-Universität und Vizepräsident der amerikanischen Gesellschaft für Unterrichtsforschung, in der Winterausgabe 1968/69 der renommierten "Harvard Educational Review" eine höchst provokante These verfochten hat. Auf 123 Seiten versuchte Jensen nachzuweisen, daß die Neger den Weißen gegenüber in einem erblichen Merkmal, unterlegen seien, das zu den wertvollsten unseres Menschseins zählt: der Intelligenz.

Dieses Handikap, behauptet Jensen, sei durch keine noch so intensive Ausbildung wettzumachen. Und so droht der amerikanische Rassenkonflikt, in dem schon weidlich Porzellan zerschlagen wurde, sich erneut zuzuspitzen. Unmut über die These des kalifornischen Professors ist laut geworden, und weitsichtige Leute sind bemüht, Öl aufs Wasser zu gießen. "Ich bin überzeugt", schrieb der farbige Direktor William F. Brazziel vom Virginia State College, "daß Jensen unrecht hat. Ich kann nur hoffen, daß er nicht zuviel Unheil anrichtet."

Hat Jensen unrecht?

So einfach, wie die Frage klingt – mit einem klaren Ja oder mit einem Nein ist sie nicht zu beantworten. Denn harte Tatbestände sprechen sowohl für als auch gegen Jensen. Auch macht es Schwierigkeiten, jenes corpus delicti genauer zu beschreiben, das man "Intelligenz" nennt. So vielfältig, wie sie sich im Leben äußert, sind ihre Definitionen, und um zu einer für die experimentelle Psychologie brauchbaren Definition zu gelangen, meinen viele Forscher ganz ohne Ironie, man müsse sich darauf beschränken, unter Intelligenz das zu verstehen, wonach Intelligenztests fragen.

Mit Intelligenz kann man die Fähigkeit eines Menschen umschreiben, sich in einer ungewohnten Situation rasch zurechtzufinden. Man kann auch – nun schon im Sinne Jensens – von einer "Begabung" sprechen, dank deren es einem Menschen gelingt, konkrete oder abstrakte Probleme nicht durch bloßes Probieren nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum zu lösen, sondern mehr oder weniger zielstrebig und ohne Umschweife. Weiterhin gilt, ziemlich übereinstimmend, daß ein intelligenter Mensch Beziehungen und Sinnzusammenhänge rasch erfassen und deuten kann.