M. G., Köln

Knapp vier Monate vor der Bundestagswahl exerzieren die Parteien das ränkereiche Spiel der Kandidatennominierung. Ehrfurcht und Staunen müßte die Wähler erfüllen – wüßten sie nur, mit wieviel List und Schläue an den Kandidatenlisten gebastelt wird.

Zwar gibt es, wie etwa im Paragraphen drei der „Wahlplattform“ der FDP, feine theoretische Ansätze, die „Willensbildung“ der unteren Parteigremien und die öffentliche Meinung bei der Placierung zu berücksichtigen. Aber von der Theorie zur Praxis ist es auch hier ein weiter Schritt.

Diesen Schritt, so meinen progressive FDP-Mitglieder in Nordrhein-Westfalen, haben die oberen Parteigremien nicht geschafft. So beschloß der Kreisparteitag in Köln-Stadt, daß die Delegierten in der Landeswahlversammlung, die am 7. Juni in Dortmund stattfinden soll, eine Personaldebatte beantragen und begründen, da „die Kriterien, derer sich die oberen Parteigremien bei der Zusammenstellung ihres Listenvorschlages bedienen, sachfremder Natur“ seien.

Vor allem stieß die Placierung Erich Mendes auf Platz zwei der NRW-Landesliste auf wenig Gegenliebe. Die Stunde ist dem ehemaligen Parteivorsitzenden nicht günstig. Zeitpunkt und Verlauf des Porst-Prozesses haben seinem Image geschadet, mit dem sich für manchen Bundesbürger der Prototyp eines konservativen FDP-Mannes mit Assoziationen von Eau de Cologne, Lackschuhen und Champagner verbinden.

In das Bild einer progressiven, jungen, reformerischen Partei paßt Mende nicht mehr. Seine Aufstellung an vorderster Front – von Genscher vor wenigen Tagen noch als „völlig unverbindlich“ apostrophiert – hat unterdessen auch das Präsidium der Partei aufgeschreckt. Dort heißt es, daß der Porst-Zeuge Mende die FDP in ein schlechtes Licht gesetzt hat.

Dabei war seine Nominierung als Kandidat ein recht mühevolles Werk gewesen. Auf dem Schlachtplan der Wahlstrategen war das Fähnchen mit dem Namen „Mende“ von Höxter nach Lemgo, von dort nach Remscheid, nach Bonn-Land und weiter nach Iserlohn gerutscht, bis es schließlich in Aachen steckenblieb. Aachen bot dem ehemaligen Fraktionschef auch nur mit halbem Herzen Zuflucht – sein Kandidat Martin Birmanns ist nun auf den 20. Platz der Liste gefallen und damit nicht mehr im Rennen.

Doch um Mende allein geht es den progressiven Kölnern gar nicht. Sie stellten zwar fest, daß bei diesem Listenvorschlag „die Aufgaben der zukünftigen Bundestagsfraktion in sträflichem Maße unberücksichtigt“ gelassen wurden; ganz allgemein aber befürchten sie, daß sich die nächste FDP-Bundestagsmannschaft kaum von der früheren unterscheidet und dadurch dem Reformkurs nicht Rechnung getragen wird. Die Kölner Delegierten sollen daher auf der Landeswahlversammlung Alternativen zur Wahl stellen.

Sie möchten, daß den etablierten Parteifunktionären progressive Kandidaten gegenüberstehen; sie fragen sich, warum der Vorsitzende des Landesverbandes der Deutschen Jungdemokraten, Gunter Verheugen, kein Direktmandat erhielt, der ehemalige Bundesvorsitzende der Jungdemokraten und jetzige Kreisverbandsvorsitzende, Gerhard Baum, sich mit dem 17. Platz der Reserveliste begnügen und die populäre Hedda Heuser nur mit dem 14. Platz vorliebnehmen mußten. Vor allem denken die Mende-Kritiker an den Kölner Professor Klug als Gegenkandidaten, der als eine Kapazität auf dem Gebiet des Bankwesens gilt und der neuen Bonner Fraktion als Haushaltsexperte von Nutzen wäre. Ihm bot der Bezirksverband einen Listenplatz in der Nähe der Nummer 25 an. Vielleicht rutscht er nun doch noch nach vorn.