Von Ferdinand Ranft

Düsseldorf/Weickartshain

Den Ausrutscher des Sprechers der deutschen Kriminalbeamten griff Bild begierig auf. Garniert mit einer Pistole wurde in fetter Balkenüberschrift die Parole ausgegeben: „Kripo ist verbittert: Schützt euch selbst! Kauft euch Waffen!“

In der Tat hatte der Erste Vorsitzende des neugegründeten Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Heinz-Walter Stang aus Düsseldorf, bei einer Verbandsversammlung in Stuttgart zu später Stunde seinem Herzen Luft gemacht: Zahl, Ausbildung und Ausrüstung der deutschen Kripo seien höchst mangelhaft. Die offizielle Kripo-Statistik vertusche die Misere. „Sie ist frisiert!“ Nicht 50 Prozent aller Verbrechen und Vergehen würden in der Bundesrepublik aufgeklärt, sondern höchstens 30 Prozent! Und dann entfuhr es Stang – laut Bild – und von ihm selber nur entschuldigt aber nicht dementiert: „Familienväter, kauft euch eine Waffe und schützt eure Familien selbst! Wir können der Bevölkerung den Schutz, den sie erwartet, nicht mehr bieten.“

Stang, der sich mit seinem forschen Auftritt nach Meinung des Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Werner Kuhlmann, „lediglich interessant machen“ wollte und dessen Äußerung „zu einer privaten Selbstjustiz führen“ müßte, fand einen unerwarteten Bundesgenossen: Deutschlands am meisten umstrittener Waffenhändler, Eckhard G. Damaschke aus dem hessischen Weickartshain, baute das Stang-Zitat flugs in seine Werbekampagne für eine nicht weniger umstrittene Waffe ein – für den Kleinkaliber-Automaten „M 68 – 103“. „Die Kripo empfiehlt: Schützt euch selbst – kauft euch Waffen!“, so stand es zwei Monate lang in vielen Zeitungsinseraten.

Die gefährliche „Selbstschutzparole“ und der von Fachleuten als „Gangsterwaffe“ apostrophierte KK-Automat markieren nur zwei Punkte in einer großen Auseinandersetzung über das Waffenrecht in der Bundesrepublik. Sie entzündet sich am neuen Bundeswaffengesetz vom 1. Dezember 1968 und an den vorbereiteten neuen Länderwaffengesetzen. Herstellung, Einfuhr und Handel mit Waffen waren in Deutschland schon durch das Reichswaffengesetz von 1938 genehmigungspflichtig. Jetzt müssen die rund fünfzig Waffenhersteller (Jahresumsatz rund 250 Millionen Mark, davon 50 Prozent Exporterlöse) und die rund 1000 westdeutschen Waffenhändler in Waffenherstellungs- und Handelsbüchern über Stückzahl, Art, Nummer und Verbleib aller Jagd-, Sport- und Faustfeuerwaffen genaue Auskunft geben.

Beim „Erwerb“ von Waffen unterscheidet das geltende Recht zwischen Langwaffen (Gewehren) und Kurzwaffen (Pistolen). Langwaffen aller Art – sogar der Karabiner 98 K, Preis 148 Mark, Lieferant: die Bundesvermögensverwaltung – können unbeschränkt erworben werden, wenn der Käufer über 18 Jahre alt ist. Kurzwaffen, einschließlich Gas- und Schreckschußpistolen, die den Ausschuß nach vorn haben, sind „Waffenerwerbsscheinpflichtig“. Sie werden von den Kreispolizeibehörden ausgestellt, die „Zuverlässigkeit und Bedürfnis“ des Antragstellers prüfen. Außer Sportschützen, die ihre Waffen in der Regel auf Schießplätzen benutzen, Sammlern oder solchen Interessenten, die ihre Waffen nur in Wohn- und Geschäftsräumen oder in ihrem „befriedeten Besitztum“ aufbewahren, benötigt jedermann zum „Führen“ einer Waffe außerdem einen Waffenschein. Solche Scheine, die eine Waffenbenutzung (allerdings immer nur für bestimmte Kategorien) und den Waffenerwerb erlauben, werden Kassierern, Geldboten oder Nachtpförtnern ohne weiteres zugestanden. Einem Waffenschein gleichgestellt ist der Jagdschein, zur Freude von Deutschlands 210 000 Jägern. In einigen Bundesländern freilich wurde das Jägerprivileg bereits angeknabbert: dort müssen die Jäger beim Pistolenkauf neuerdings ebenfalls einen Waffenerwerbsschein vorweisen.

Die neuen Länderwaffengesetze sollen die Bewegungsfreiheit der Waffenfreunde weiter einschränken. Auch Langwaffen wie Jagdflinten, Kleinkalibergewehre und die meisten Luftbüchsen sollen nur noch gegen einen Waffenerwerbsschein zu haben sein. Außerdem ist eine „Vorzeigepflicht“ vorgesehen, die der „Erlaubnisbehörde“ das Recht gibt, Besitzer von Schießgeräten zum Vorzeigen ihrer Waffen zu veranlassen. Schützenvereine, Händler und die Industrie laufen seit Monaten gegen die geplanten Gesetze Sturm. Da werden „persönliche Freiheit“ und „wahre. Demokratie“ beschworen, auch das Schreckgespenst der Roten Armee muß herhalten, „die sich für den theoretischen Fall einer Besetzung der Bundesrepublik kein besseres Waffengesetz zu ihrem eigenen Schutz wünschen könnte“.

„In der Tat besteht für den Gesetzgeber das Problem“, wie Waffenreferent Dr. Lehne im nordrhein-westfälischen Innenministerium erklärt, „dem Rechtsbrecher einerseits Waffen vorzuenthalten, aber andererseits den Bürger nicht in seinen Rechten zu stark zu beschneiden.“ Polizeigewerkschaftschef Kuhlmann dagegen sieht in einem streng gehandhabten Waffenrecht vor allem eine Vorbeugemaßnahme: „Für mich gibt es keinen Zweifel, daß die Zahl der Gewaltverbrechen in dem Maße zunehmen wird, wie sich jeder selbst bewaffnen kann.“ Die steigende Zahl von Raubüberfällen und Bankeinbrüchen scheint ihm Recht zu geben. Genaue Zahlen über Gewalttätigkeiten mit Schußwaffen gibt es freilich nur aus Niedersachsen, da das Bundeskriminalamt darüber keine Statistik mehr führt. In Niedersachsen stieg der Gebrauch von Schußwaffen bei Tötungsdelikten, Körperverletzung und Raubüberfällen von 56 Fällen im Jahre 1963 auf 103 Fälle im Jahre 1968.

Im Kampf der Argumente spielt aber noch ein weiteres Faktum eine Rolle: Der illegale Waffenhandel. Waffenhändler Damaschke befürchtet: „Wenn der Erwerb von Waffen weiter eingeschränkt wird, wird das Bedürfnis, Waffen zu kaufen, steigen. Der Waffenschmuggel wird bestimmt zunehmen, und die Verbrecher bekommen ihre Waffen doch!“

So gibt es in der Bundesrepublik seit langem bekannte Zentren des schwarzen Waffenmarktes – auf St. Pauli in Hamburg, im Frankfurter und Düsseldorfer Bahnhofsviertel, in einschlägigen Kneipen Hannovers und Kölns, wo zum Beispiel belgische FN-Pistolen (Ladenpreis .225 Mark) derzeit zum Kurs von 800 bis 900 Mark angeboten werden. Einige dieser Pistolen stammen sogar aus dem Besitz der nordrhein-westfälischen Polizei. Als diese vor einiger Zeit das belgische 9-mm-Modell gegen die 7,65-mm-Pistole tauschte, verschwand von den rund 20 000 verkäuflichen alten Polizeipistolen ein größerer Posten auf dem schwarzen Markt. Doch der Umweg über den heimlichen Handel mit seinen hohen Preisen bleibt jenen Bürgern erspart, die beispielsweise für 24 Stunden nach Belgien fahren und sich dort gegen Vorlage des Reisepasses eine Bescheinigung bei der Polizei holen, mit der sie die gewünschte Waffe kaufen können. „Wer schaut den Leuten denn schon in die Hosentasche, wenn sie über die Grenze kommen“, heißt es dazu im Düsseldorfer Innenministerium.

Industrie und Handel befürchten in der Zukunft vor allem starke Umsatzeinbußen. Sie traten bereits durch das neue Bundeswaffengesetz ein, das den amtlichen Altersnachweis (Mindestalter 18 Jahre) und eine Registrierpflicht vorschreibt. Dazu Waffenhändler Eckhard Damaschke: „Seit dem 1. Dezember 1968 habe ich ein Drittel Rückgang in meinen Verkaufsergebnissen.“

Damaschkes Wehgeschrei nimmt sich freilich merkwürdig aus, bedenkt man, daß sicher auch seine Werbe- und Verkaufsmethoden Anlaß zu der bevorstehenden „Entwaffnungsaktion“ der Länderinnenminister boten. Der 32jährige Damaschke, der zunächst als Preisbrecher in der Waffenbranche von sich reden machte, wurde als Großhändler von seinen Kollegen daraufhin einem so wirksamen Boykott unterworfen, daß er sich Ende 1967 schließlich auf den Versandhandel mit Waffen verlegte. Jetzt wollte Damaschke endlich das große Geschäft machen. „Für mich gab es da nur ein Problem: Wie wird man bekannt? Da mußte ich mir was einfallen lassen.“ Und Damaschke ließ sich etwas einfallen: Den Vertrieb des automatischen Gewehrs M 68 – 103, das mit 40,5 cm Länge haarscharf über der Verbotsgrenze für Kurzwaffen liegt. 100 000 Mark steckte Damaschke allein in die Werbung für dieses Modell.

Auf die Übernahme der Selbstschutzparole von Kripo-Sprecher Stang für seine Werbung angesprochen, antwortet Damaschke in schöner Offenheit: „Natürlich hab’ ich mich darauf berufen. Ich bin ja schließlich Geschäftsmann.“ Selbst der Hinweis, daß dieses maschinenpistolenähnliche Modell demnächst verboten werde, war Damaschke als Werbeeffekt gut genug. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Umsatzzahlen will er zunächst nicht nennen: „Da schweigt des Sängers Höflichkeit.“ Doch auf die geschätzte Kapazität des Produzenten hingewiesen – vielleicht 10 000 Stück – entfährt es ihm dann doch: „Da hab’ ich ja allein schon mehr verkauft!“

Damaschke versucht sein Geschäft mit dieser Waffe, die das Bundeskriminalamt als „Gangsterwerkzeug“ bezeichnet, mit einigen Daten zu verteidigen: 50 Prozent der Käufer, die er alle registriert hat, seien über 40 Jahre alt, 35 Prozent zwischen 25 und 40 und lediglich 15 Prozent unter 25 Jahren. (Das sind entsprechend seinen Umsatzangaben immerhin mindestens 1500.) „Alles Leute aus dem Mittelstand.“ Und im gleichen Atemzug bekennt er dann auch: „Ich konnte der Kripo oft schon helfen, Verbrechen aufzudecken, wenn was mit dem Sandmann-Automaten’ passiert war.“ Was beim Bundeskriminalamt nicht zu erfahren war – Händler Damaschke hat sogar Fälle parat, in denen die „Gangsterwaffe“ zweckentsprechend benutzt wurde, so bei einem Ausbruch aus dem Gefängnis in Celle. Aber, so sagt er sofort, das Schießwerkzeug sei vor allem eine Selbstschutzwaffe. „Die Leute schreiben mir Dankesbriefe, weil sie jetzt wegen des Verbrechertums ein Sicherheitsgefühl haben.“

Waffenhändler Damaschke indessen, der sich in zehn Jahren auf den vierten Platz unter Deutschlands Waffenhändlern hochgearbeitet hat, fühlt sich selber nicht sicher. Im Büro und im Schlafzimmer hat er einen geladenen und entsicherten Revolver parat. Nervös wird er auch, denkt er an seine Zukunft: „Wenn die neuen Gesetze kommen, sinkt mein Umsatz noch mal um 80 Prozent!“ Doch sogleich kommt ihm die rettende Idee. „Kann ich denn nicht wegen der neuen Gesetze gegen den Staat prozessieren? Die sollen meinen Geschäftswert ausrechnen und mich auszahlen. Dann mache ich meinen Waffenhandel zu.“ Sprach’s, wog eine 900-Mark-Pistole in der Hand und sinnierte: „So eine Waffe, das ist ein sicheres Gefühl!“