Buchholz/Heide

Panzer des Lüneburger Bataillons 84 rasselten mit erhöhter Geschwindigkeit an der Ehrentribüne vorbei, zweihundert niedersächsische Polizeibeamte lagen in Alarmbereitschaft, in der Nachbargemeinde Dibbersen warteten Feldjäger mit Tränengasgranaten auf ihren ersten Demonstrationseinsatz: Buchholz in der Nordheide war von der APO-Angst gepackt.

Grund: Die Jungdemokraten und die „Aktion Demokratischer Fortschritt (ADF)“ im Landkreis Harburg hatten auf Flugblättern Aktionen gegen die Panzerparade angekündigt. „Wenn die Mitarbeiter der Straßenreinigung eine Einladung annehmen, werden sie kaum ihre Müllwagen mitbringen, Lehrer nicht ihre Schultafel.“ Die Bundeswehr solle vielmehr, so hieß es, mit Argumenten werben – und nicht mit Panzern.

Mit Argumenten wollten deshalb auch die zwölf Demonstranten vor der Ehrentribüne überzeugen. Zwei Schüler entrollten ein Transparent mit dem Heinemann-Zitat: „Jede Bundeswehr muß grundsätzlich bereit sein, sich in Frage stellen zu lassen.“

Doch an Stelle der Soldaten interpretierten die Buchholzer das Plakat auf ihre Art: Mit Knüppeln, Fäusten und Holzlatten prügelten sie auf die Jungdemokraten ein. Und von seinem Ehrenplatz herab mobilisierte Oberkreisdirektor und Mitglied der CDU, Dr. Andreas Dehn aus Winsen, das Volksempfinden mit „Feste, feste!“-Rufen.

Was der höchste Beamte des Heidelandkreises von Grundrechten im allgemeinen und den Buchhölzer Heinemann-Jüngern im besonderen hält, erläuterte Andreas Denn wenige Tage später einem Fernsehteam des NDR: Für den Volljuristen hatten die üblen „Rechtsbrecher“ die „Grenzen der Meinungsäußerung überschritten“ und müßten sich deshalb die „Folgen ihres Rechtsmißbrauchs selbst zuschreiben“. Im übrigen sei „das immer mehr um sich greifende Demonstrieren unerträglich für den Bestand der Demokratie und ein Mißbrauch der Freiheit“. Wer im Sinne Dehns „die Bundeswehr beleidigt, hat keinen Schutz und kein Mitleid verdient“. Anderer Ansicht war der Polizeistellenleiter von Buchholz, Oberkommissar Quader, Von ihm hatten sich die Demonstranten vorher Rechtsauskunft über das Versammlungsgesetz eingeholt. Und auch heute noch bezeichnet Quader das Verhalten der Jungdemokraten als „absolut korrekt“.

Das Bekenntnis Dehns hingegen, Andersdenkende seien vogelfrei, empörte die parlamentarische Opposition. Die Sozialdemokraten beantragten eine Sondersitzung des Kreistags, der Kreisparteitag der Freien Demokraten wußte sich mit SPD, Jungsozialisten und Jungdemokraten einig in der Forderung: Dehn muß gehn.

Doch Dehn blieb. Er weiß: SPD und FDP verfügen im Kreistag zusammen nur über achtzehn Stimmen. Das aber sind nur zwei Drittel der Sitze, die CDU und NPD zusammen haben. Und in der NPD hat der Oberkreisdirektor neben dem Lokalblatt, den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, seine stärksten Stützen. Die Zeitung informierte ihre Leser weder über den Buchholzer Vorfall noch veröffentlichte sie die Resolutionen der Oppositionsparteien. Dafür aber wußte sie genau, was diese Plakatträger letztlich sind: „Schädlinge, die diesen Staat annagen.“

Einer derart finsteren Informationspolitik versuchten die Jungdemokraten durch die Herausgabe eines „Extrablattes“ zu begegnen. Doch der „Buchholzer Anzeiger“ lehnte den Druckauftrag ebenso ab wie der „Winsener Anzeiger“: die Druckereien befürchteten Schwierigkeiten. Schließlich wurde der Druckauftrag außerhalb der Landesgrenzen vergeben.

Am vergangenen Montag nun diskutierten mehrere hundert Buchholzer Bürger über die Gefahr, daß die Demokratie in ihrem Landkreis von einer „Dehnokratie“ abgelöst werden könnte. Kai Hoffmeister, sozialdemokratischer Kreistagsabgeordneter aus Winsen: „Es ist geradezu ungeheuerlich, daß man heute schon wieder Minderheiten ausradieren möchte.“ Ein lautstarker Diskutant allerdings war mit den Prügelparaden noch nicht zufrieden: „Es wird langsam Zeit, daß die Todesstrafe wieder eingeführt wird.“

Sepp Binder