Boom 1969: Genuß ohne Reue
Nur noch neun Wochen trennen uns von dem Tag, an dem die Dämme gegen die Preisflut bröckeln werden. Noch üben die Unternehmer Preisdisziplin, um im Wahlkampf nicht der Union zu schaden — aber nach dem 28. September wird es kein Halten mehr geben. Dann steht uns die „stärkste Preiswelle, die dieses Land je erlebt hat" bevor. Karl Blessing versucht zwar, diese unheilvolle Entwicklung abzuwehren — kann aber nicht viel ausrichten, weil die Bundesbank wieder einmal allein gelassen wird. Und am Ende wird — wie nach 1965 — die Inflation in eine Rezession münden.
So etwa lauten, auf einfache Formeln reduziert, viele Konjunkturprognosen, die von Professoren, Politikern und Journalisten gestellt werden. Auch wer die naive Vorstellung nicht akzeptieren mag, Zehntausende von Unternehmern hätten sich zu einer Art Super Preiskartell verschworen, läßt sich von den pessimistischen Prognosen über die „große Teuerung" beeinflussen. Wie bei einer Versteigerung werden immer neue Höchstgebote erzielt: drei, vier, fünf Prozent Teuerung werden für Herbst und Frühjahr 1970 vorausgesagt — manche sehen den Gipfel noch höher. Es ficht die Propheten des Unheils nicht an, daß sie sich schon oft geirrt haben: im Sommer 1968 wurde die Preiswelle für den Jahreswechsel, im November dann für das Frühjahr 1969, im März schließlich für den Sommer angekündigt.
Die Stimmen der Vernunft sind fast verstummt. Die Stimmen der Vernunft, die laut sagen müßten, daß es den Bürgern der Bundesrepublik entgegen pessimistischen Prognosen von Monat zu Monat besser geht. Nach der letzten Statistik des Wirtschaftsministeriums lagen die „Arbeitsentgelte je Beschäftigtem" in den ersten Monaten dieses Jahres um rund neun Prozent höher als in der gleichen Zeit 1968. Gewiß, die Preise sind auch gestiegen; um 2 7 Prozent. Aber kann man sich ein besseres Ergebnis vorstellen: mit einer Steigerung des Reallohns um mehr als sechs Prozent liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich ganz vorn in der Spitzengruppe. Die Produktion der deutschen Industrie war in den Monaten Januar bis Mai um nahezu 16 Prozent höher als in der gleichen Zeit des Vorjahres — womit wir alle anderen europäischen Länder weit hinter uns lassen und fast an den japanischen Wachstumsrekord herankommen. Aber mitten in dieser Prosperität, auf dem Höhepunkt eines von aller Welt bestaunten wirtschaftlichen Aufschwungs, überfällt uns die Angst vor einer neuen Krise. Diese Angst ist nicht Vorahnung künftiger Gefahren, sondern Nebenprodukt des Wahlkampfes in der Bundesrepublik. Es läßt sich ziemlich exakt sagen, wann die Unruhe in der Bevölkerung begonnen hat, nämlich Ende April, als der Streit um die Aufwertung innerhalb der Regierung offen ausbrach. Solange Schiller und Strauß, solange SPD und Union im wesentlichen einig waren, fand Kritik an der Wirtschaftspolitik der Großen Koalition kaum Resonanz. Die Erfolge waren einfach zu überzeugend. Dann aber, als der Kampf um Paritätsänderung und binnenwirtschaftliche Dämpfungsmaßnahmen einsetzte, als das Pokerspiel mit Teuerungsraten begann und selbst manche Professoren nicht davor zurückschreckten, das Gespenst der Inflation zu beschwören, um die von ihnen für allein seligmachend gehaltene Wirtschaftspolitik durchzusetzen, mußten die verwirrten Bürger schließlich glauben, daß neues Unheil heraufzieht.
Entscheidend für die zunehmende Krisenfurcht war wohl die unglückliche Haltung des Wirtschaftsministers. Karl Schiller hat in den letzten Wochen immer heftiger gegen die Wirtschaftspolitik des Kabinetts polemisiert, dem er doch selbst angehört — und damit in der Öffentlichkeit den Eindruck erweit, als sei die Regierung in einer lebenswichtigen Frage nicht entscheidungsfähig. Dabei war ja eine klare Entscheidung gefallen: gegen die Aufwertung. Wenn Karl Schiller wirklich geglaubt haben sollte, daß dieser Beschluß die Erfolge seiner „Neuen Wirtschaftspolitik" zunichte macht, daß er den „Beginn des Marsches in die Inflation" bedeutet, hätte er den Rücktritt wählen müssen.
Ein Kompromiß über die künftige Konjunkturpolitik wird das Vertrauen nicht wiederherstellen — zumindest vorläufig nicht. Die Freien Demokraten mö äiten am liebsten eine Sondersitzung des Bundestags durchsetzen. Von einer „Inflationsdebatte" verspricht sich die Opposition einen Zulauf an Wählern — wohl in der Hoffnung, niemand werde sich daran erinnern, daß die letzte Rezession unter maßgebender Mitwirkung eines FDP Finanzministers zustande kam und die Partei bis heute kein Konzept für eine moderne Wirtschaftspolitik vorgelegt hat. Hans Dietrich Genscher hat schon die Parole für den Angriff ausgegeben: „Die Große Koalition steuert dem wirtschaftlichen Ofienbarungseid entgegen " Dieser Kassandraruf ist freilich pure Wahlphrase. Es mag zwar Mode sein, Kiesinger als „den schönsten Erhard, den es je gab" zu qualifizieren — aber eine Primitivformel dieser Art reicht doch wohl kaum als Beweis für die Behauptung, wir steuerten wieder wie 1965 wirtschaftlichem Unheil entgegen. Gewiß, heute wie damals herrscht Hochkonjunktur, heute wie damals fehlen allenthalben dringend benötigte Arbeitskräfte. Mehr Parallelen aber lassen sich kaum finden, im übrigen ist fast alles anders als vor vier Jahren. Um nur die wichtigsten Unterschiede aufzuführen: 1965 wurden vom Parlament ohne Widerstand der Regierung Wahlgeschenke in Milliardenhöhe beschlossen. 1969 hat die Regierung vorgesehene Ausgaben gestrichen und sammelt Steuerüberschüsse für eine Konjunkturrücklage. ordung, noch im Sommer konnte niemand sagen, wie viele Milliarden das Defizit am Jahresende betragen werde. 1969 gibt es einen detaillierten Plan für Einnahmen und Ausgaben — nicht nur für das laufende Jahr, sondern dank der mittelfristigen Finanzplanung bis 1972.
1965 herrschte Krisenstimmung an Ruhr und Saar. 1969 sind die Strukturprobleme dort — wenn auch nicht in allen Details — befriedigend gelöst.
© 1965 lag die Marktwirtschaft in Agonie, war die Wirtschaftspolitik widerspruchsvoll und ziellos. 1969 gilt unsere Wirtschaftspolitik wieder als vorbildlich in Europa: wir haben Hochkonjunktur bei — im internationalen Vergleich — ungewöhnlich stabilen Preisen.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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