Cavalieri, Winzer, Trinker und Käufer

Halb Kirmes, halb Messe, heiter und ein bißchen traurig ist die „Fiera del Vino" Von Rino Sanders

]Vrachmittägs um drei fingen wir an. Wir drängten uns von Stand zu Stand, warteten in der Menge, bis uns eingeschenkt wurde, und probierten schnüffelnd und schlürfend: Chiaretto, Rosso, auch Bianco, Einheitspreis 50 Lire pro Glas. Es waren 27 Stände. Ich will nicht sagen, daß wir sie alle durchgemacht haben Der Bauer und der Wirt, die midi auf diese XX. Fiera del Vino im alten Wein- und ölort Polpenazze auf den fast toskanischen Hügeln im Süden des Gardasees mitgenommen hatten, wußten, welche Stände man auslassen konnte.

Sie probierten, wie Vögel trinken, tunkten unter witternder Nase den Schnabel ins Glas, füllten ihn, legten den Kopf ein wenig zurück, bluten mit Brennweite „unendlich" in die Bläue, ließen den Wein langsam hinabrollen, und schmeckten ihm, ganz Gaumen, lange hinterher : um des so wichtigen Nachgeschmacksinnezuwerden. Wie er sich beim Erreichen der Zunge ausnimmt, wie er sich im Munde entfaltet — das macht samt dem Nachher die „abboccata", das Bouquet, aus.

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Meine Leute nickten anerkennend oder verzogen den Mund andeutungsweise. Anders als die Weinprüfer tranken sie die Gläser auch aus. Das Bezahlte stehenzulassen, wäre denn doch allzu verschwenderisch gewesen. Die weißen Sonntagskragen um die hageren, verwitterten Hälse feuchteten sich mählich. Die Sonne war tätig wie eine höhere, aber fleißige Angestellte der Fiera, heizte die vom Winter noch kühlen Gassen auf, steigerte den Zuckergehalt im üppigen Frühlingsgrün der Pflanzen, ließ die Luftballons schwellen und korrigierte mit scharfen Schatten die prahlerische Barockfassade des Doms. Der steht, wie meistens, auch hier, an der beherrschenden Aussichtsstelle des -Ortes, strahlt ,als sei er zu diesem Feste frisch geweißt, und verbirgt im Hinterhof ein im Fernsehzeitalter leicht verkommenes Parrochialkino zur moralischen Gänger lung der Gemeinde.

Den trinkbudengesäumten Kirchplatz grenzt eine lange, brusthohe Mauer gegen den Steilhang der Collina ab. Dann und wann traten wir an die Brüstung und nahmen einen langen Schluck von dem überaus mündigen Panorama: ein Schwips vervollkommnete den anderen. Zu beiden Seiten, von Salö bis Sirmione wellten sich die Wein, ölbaüm- und Zypressen tra genden, geschichtsreichen Moränenhügel des Valtenesi (Akzent auf der zweiten Silbe), im Norden — Spiegel, der den Himmel eitel macht — der See, dahinter der lichtgeröntgte Monte Baldo mit seinem über zweitausend Meter hohen schneeschildgeschützten Kamm.

Ober Lautsprecher am mittelalterlichen Festungsturm kam Musik des Schlagerstars Giorgio Gaber und wurde vom leichten Wind mit dem schwärenden Brandgeruch vom Stand eines Salamibraters zu fetten, Luftzöpfen gef ,Qch;C?PWir bestellten das aufgeschnitten schmorende Zeug trotzdem und kauten mit kritischen Zähnen beim heiteren Räsonnement von Bauer und Wirt. Heiter ist dieser Wein, und heiter macht er und ist so rein und gesund, daß er solche Kost unschädlich macht Drei Tage dauert die Fiera, Kirmes halb und halb. Messe, und es gibt Leute, die halten alle drei Tage durch — auch als- Konsumenten. In zwanzig Jahren ist dem Fest eine, gewisse Fama zugewachsen. Aus Brescia, Mailand, Cremona, Mamua und von weiter her noch kommen sie, um kundig zu trinken, oder doch, um es zu lernen. Produzenten landwirtschaftlicher Maschinen stellen ihre Traktoren vor die Kathedrale. In einer Gasse: Pressen, Pumpen, Moster, Bütten, Filter, Tanks, Verkorker, auch Sprenger, Sprühanlagen, Bodenbearbeitungsgerät. So attraktiv das alles blau und gelb und rot gespritzt ist, es kostet Geld, viel Geld. Mancher, der in der Laune dieser Tage schon entschlossen war, sich was Modernes zuzulegen, nimmt später, rechnend, Abstand. Und brauchte es doch, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Das ist eins der Probleme.

Das Valtenesi ist ein kleines Gebiet. Von Polpenazze aus kann man es fast ganz übersehen; doch so klein es ist, man bekommt dabei doch einiges von der Lage der Viticoltura, des italienischen Weinbaus, mit in den Blick. Als sich jener leichte Wind, der dem Wein wohltut wie auch dem, der ihn getrunken hat, mit Nachtfrische auflud, beschloß ich mit kühlerem Kopf, einmal nachzusehen, was sich hinter dem Aussstellungsfehster der Fiera tut. Ich gestehe, daß >für einige Tage der Schwips mein ständiger Begleiter war; denn das beste, vielleicht das einzige Argument für den Weinbau ist sein Produkt — nicht etwa der Profit.

Fast jede andere, auch landwirtschaftliche, Produktion — Getreide, Schweine —- bringt mehr ein, und namentlich die Leute hier, Grundeigentümer des Paradieses, täten sich leichter, wenn sie Teile davon einfach an irgendeine Contracta verscherbelten. Es müssen bei aller tunlichen Rechenkunst Enthusiasten sein, die noch Wein bauen, und Enthusiasten habe ich allerdings getroffen.

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