Der Blockwart - Herbst 1939

Ein kleiner Nazi namens Neisse — „Die Inflation, Frau Doktor, wissen Sie Als Engländerin im „Dritten Reich" Von Christabel Bieienberg

Sein wackliger, alter Karren, beladen mit Leitern und Geräten, hielt vor der Gartentür, Ein kurzes Läuten, und schon begrüßte mich seine Stimme mit ihrem unverkennbaren sächsischen Tonfall: „Neisse. Guten Morgen, Frau Doktor " Wäre es ein Sonntag oder einer der vielen anderen Sammeltage gewesen, so wäre das Läuten lauter und länger, der Tonfall abgehackter, der Gruß „Heil Hitler" gewesen. Herr Neisse kümmerte sich nämlich nicht nur gelegentlich um unseren Garten, er war auch unser Blockwart. Er beschnitt nicht nur Bäume, mähte den Rasen und fegte Blätter zusammen, er sammelte auch Parteibeiträge ein und verkaufte Abzeichen für das „Winterhilfswerk", Ansichtskarten, Broschüren alles mögliche womit sich die Parteikasse auffüllen ließ. Außerdem hatte er der Partei über das Betragen der Volksgenossen seines Blockes Bericht zu erstatten, damit man genau kontrollieren konnte, ob jemand nicht gebührlich geflaggt oder nicht ausreichend oder gar unwillig für die große Sache gespendet hatte.

An Wochentagen war Herr Neisse freundlich, höflich, eher schüchtern; ein gut beschnittener Baum, ein Blumenbeet, der kleine dunkle Winkel neben der Garage, wo die Maiglöckchen eine sorgliche Hand brauchten — das waren Dinge, die ihm sichtlich am Herzen lagen.

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Am Sonntag aber war die Sache ganz anders. Da War er in seiner Parteiaufmachung und überdies auch gut rasiert, wenn man von einem kleinen, symbolischen Viereck über der Oberlippe absah. Für mich war er das einzige Rädchen in der Nazi Maschinerie, das ich näher kannte, da wir die Liebe zur Gärtnerei gemeinsam hatten. Es gab eine Geschichte, wonach bei Hitlers Geburt drei gute Feen an seiner Wiege gestanden hätten. Die erste wünschte ihm, daß jeder Deutsche ehrlich, die zweite, daß jeder Deutsche intelligent, die dritte, daß jeder Deutsche ein Nationalsozialist sein möge. Dann aber kam die böse Fee, und sie bestimmte, jeder Deutsche dürfe, nur zwei dieser Eigenschaften besitzen. Somit blieben dem „Führer" nur intelligente Nazis, die nicht ehrlich waren, ehrliche Nazis, die nichts im Kopf hatten, und ehrliche und intelligente Bürger, die keine Nationalsozialisten waren. Eine hübsche, lustige Geschichte vielleicht, aber gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt; denn ich hatte den Eindruck, daß diese drei Kategorien von Deutschen nebeneinander lebten und arbeiteten, aber wegen der Natur des Regimes unfähig waren, mehr als nur den oberflächlichsten Kontakt miteinander zu halten. Man konnte bald entdecken, zu welcher dieser drei Kategorien Herr Neisse gehörte. Er war der Sohn eines sächsischen Bauern; und er war ein getreuer Untertan seines Monarchen, des sächsischen Königs, gewesen. Nachdem er im. Ersten Weltkrieg Soldat gewesen war, ohne sich irgendwie hervorzutun, und als er in das Chaos von Berlin zurückkehrte, war er ein bißchen überrascht, wie er einräumte, wie plötzlich und vollständig Deutschland den Krieg verlogen hatte: , „Wissen Sie, Frau Doktpr, wir haben uns doch gut gehalten, ja, man hat uns sogar, von großen Siegen erzählt, und dann mit einem Mal Schluß, aus, die Regierung in der Heimat hat um Frieden ersucht. So was! Ich bin nach Berlin gegangen, weil meine Hilde hier war und ich ihr versprochen hatte, nach dem Krieg zu ihr zurückzukommen. Sie hat auf mich gewartet, meine Hilde. Die Gute, sie hat gewartet " Sie muß eine großartige Person gewesen sein, seine Hilde; denn sie sollte noch weitere zehn Jahre warten müssen, bis Herr Neisse soviel Geld zusammengespart hatte, wie nach seiner Meinung zum Heiraten notwendig war. Er hatte alles mögliche versucht, um nach dem Krieg Arbeit zu finden; Da er seinem ganzen Wesen nach ein Mensch vom Lande war, fand er, daß das Gärtnerhandwerk für ihn das richtigste wäre.

Tagein, tagaus war er durch die baumgesäumten Straßen Dahlems gepilgert, unverzagt von einer Gartentür zur nächsten. Er trank nicht, er rauchte nicht; er hatte für sein Mittagessen und einen Hungerlohn gearbeitet, den ganzen Tag sonst nichts gegessen und auf diese Weise nach einigen Jahren soviel zur Seite gelegt, daß er daran denken konnte, sich um einen kleinen Schrebergarten am Rande von Dahlem Dorf zu bewerben. Hilde hatte ebenfalls gespart; sie arbeitete an einem Metzgerstand auf dem Dahlerner Markt. Ihr Auge war auf eine bestimmte Parzelle gefallen — das Häuschen war nicht viel größer als ein Kaninchenstall.

Herr Neisse war sich nicht ganz sicher gewesen, wer eigentlich schuld daran war, daß Deutschland den Krieg verloren hatte; aber keinen Zweifel gab es für ihn, daß das Unglück, das 1923 so unverdient über ihn hereinbrach, die Folge irgendeines gemeinen, heimtückischen Komplotts war. Fast über Nacht hatten sich seine Ersparnisse, Hildes Ersparnisse, ihr Schrebergarten, ihre so bescheidenen Hoffnungen in Luft aufgelöst.

„Die Inflation, Frau Doktor, wissen Sie, plötzlich war alles futsch. Mit meinem ganzen Ersparten konnte ich gerade noch eine Tasse mit Untertasse kaufen, und die hab ich der Hilcje statt des Trauscheins geschenkt. Komisch, was, daß mir an der Untertasse so viel gelegen hat?" Aber es war gar nicht so komisch; denn wenn Herr Neisse von jenen Zeiten erzählte, bebte seine Stimme vor innerer Bewegung, und die sonst so präzisen Bewegungen seiner Hände wurden nervös und fahrig. Der Verlust seines kleinen Sparkontos hatte nicht nur jegliches Vertrauen zerstört, das er etwa zu einer demokratischen Regierung hatte, sondern ihn auch zuinnerst getroffen, seine Selbstachtung und sein. Recht auf Achtung zerstört. Die Untertasse — vielleicht war sie ein Hauch von Gutbürgerlichkeit, vielleicht war sie Ausdruck des Trotzes gegen die unberechenbaren herrschenden Mächte gewesen , Auf die Inflation war für Herrn Neisse wiederum Arbeitslosigkeit gefolgt, da die gleichermaßen verarmten Besitzer der Villen in Dahlem, pensionierte Beamte und dergleichen, sich den Luxus, einen Gärtner zu halten, nicht länger leisten konnten. Aber nach Herrn Neisses Beschreibungen währte es nicht lange, bis viele von ihnen auszogen und einer neuen Schicht von protzigen Jaden und Ladenbesitzern Platz gemacht hatten. Herr Neisse hatte noch nie etwas für die Jaden übrig gehabt und übrigens auch nicht für die anderen, die Ladenbesitzer; er nannte sie „weiße Juden".

Nach dem Krieg strömten sie vom Osten herein, die Lilienbusdi und Rosenstrauß, die Ipskis und Owskis; sogar ihre Namen waren absurd. Aber irgendwie hatten sie es fertiggebracht, ebenso schnell zu Geld zu kommen, wie er, Herr Neisse, seine Ersparnisse verloren hatte. Er hat für diese neuen Herrschaften gearbeitet — man mußte schließlich leben —, aber er fand sie vulgär und prahlerisch, und Trost fand er nur darin, diß zwar die Villenbesitzer gewechselt hatten, die Gärten aber die gleichen waren. Auch wurde ihm anderer Trost zuteil; denn langsam, aber sidier und mit Hilfe seiner sparsamen Hilde sah er seinen kleinen Schrebergarten aus dem Dunkel begrabener Hoffnungen wieder ins Reich der realen Möglichkeiten eintreten. Er näherte sich schon den Vierzig, als er endlich seine Hilde heiratete; aber es war ein unvergeßlicher Tag gewesen, und zudem hatten sie ein Holzhäuschen bezogen, das noch größer war als das seiner Träume, sogar, „mit Veranda".

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