Der Kreml auf politischer Ölsuche

Der Persische Golf, der einst zu den Domänen englischer Weltmachtpolitik gehörte, hat einen neuen Liebhaber gefunden — den Kreml. Während Großbritannien sich im vollen Rückzug aus den Gebieten „East of Suez" befindet — also auch aus dem Persischen Golf mit seinen anliegenden ölscheichtümern Abschied nimmt — und die Amerikaner nicht willens sind, hier die Stelle der Engländer einzunehmen, nutzt die Sowjetunion die Gelegenheit, in die Fußstapfen des englischen Löwen zu treten.

Der Kreml schloß kürzlich mit dem Irak in Moskau ein ölabkomrnen: Die Sowjets werden eine Anleihe von 70 Millionen Dollar gewähren, die dazu benutzt werden soll, die ölfelder von Nord Rumeila zu erschließen. Sowjetische 01fachleute werden dabei helfen. Dafür soll der Irak der Sowjetunion dann Rohöl liefern. Wenige Tage, bevor dieses Abkommen in Moskau paraphiert wurde, kam zwischen Bagdad und Moskau ein Vertrag zustande, der die Lieferung von Bohrmaschinen und technischem Material vorsieht, um den Irak in die Lage zu versetzen, auch seine ölgebiete im südlichen Teil des Landes zu erschließen.

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Die ölfelder von Nord Rumeila, auf denen nun bald sowjetische Techniker eintreffen werden, sind nach Auskunft von Fachleuten nur noch mit dem ölreichtum von Kuwait zu vergleichen. Man schätzt, daß über eine Milliarde Tonnen Rohöl im Boden lagern und daß man jährlich rund 20 Millionen Tonnen wird herauspumpen können, sobald die Förderungsanlagen von den Sowjets fertiggestellt sind. Nach dem heutigen Weltmarktpreis bedeutet dies: der Irak wird zusätzlich 250 Millionen Dollar pro Jahr an seinem ölexport verdienen.

Gleichzeitig mit diesen „ölhilfen" versprach die Sowjetunion, den Irak auch auf anderen Gebieten zu unterstützen. So wird Moskau — durch Geld und technische Hilfe — den Bau eines Eupjhratdammes unterstützen und auch bei der Gewinnung von Naturgas und bei Hafenausbauten hilfreich sein.

Heute schon befahren viele sowjetische Schiffe den Persischen Golf, und der ölvertrag hat Zur Folge, daß — sobald die öltürme von NprdRumeila erst einmal errichtet sind — sowjetische öltanker in großer Zahl zwischen dem Irak und dem Schwarzen Meer (durch einen wieder geöffneten Suezkanal) verkehren werden. Der Weg vom Mittleren Osten in die Industriegebiete Rußlands ist immer noch kürzer als der aus Sibirien oder anderen asiatischen Gebieten der UdSSR, wo Fachleute Ölvorkommen vermuten. Mit wirtschaftlichen Bindungen wird sich die Sowjetunion freilich wohl nicht begnügen. Sowjetische Kriegsschiffe der Pazifikflotte haben bereits in Umm Qast, dem Hafen des Irak, einen Besuch abgestattet. Bis Ende 1971 patroullieren noch ein paar britische Schiffe im Persischen Golf, aber danach wird der Westen nur durch die amerikanische Middle East Force im Golf vertreten sein. Sie besteht im Augenblick nur aus einer Fregatte und zwei Zerstörern.

Für die USA ist das öl des Mittleren Ostens, auch wenn dort noch amerikanische ölgesellschaften viel Geld verdienen, nicht lebenswichtig. Ihr eigenes ölreservoir ist groß genug. Anders sieht es für Europa aus: Es bezieht sein öl zu 75 Prozent aus den arabischen Ländern.

 
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