Die Droge - Balsam oder Drohung?
Affäre Rudi Altig - Warum Straßenrennfahrer? / dopen sich vor allem Von Adolt Metzner
Altig ist eine fahrende Apotheke", sagte vor kurzem der Arzt der Tour de France, Dr. Dumas, um die pharmazeutischen Künste des Kölner. Radrennfahrers, 1967 Sportler des Jahres, gebührend zu charakterisieren. Dann ging Dr. Dumas ins Detail „"Wir fanden im Urin des Deutschen ganz sicher zwei Dopingmittel und dazu noch die Spuren von fünf bis zehn weiteren Drogen " Das deutsche Radsport As leugnet nach wie vor hartnäckig, verbotene Mittel eingenommen zu haben, obwohl sie mit untrüglichen Methoden unabhängig voneinander in zwei großen Laboratorien nachgewiesen worden waren. Auch im besagten Ausscheidungsprodukt des souveränen Tour Siegers, des Belgiers Eddy Merckx, waren bei der Italien Rundfahrt Dopingsubstanzen gefunden worden. Damals erhob sich in Belgien ein Entrüstungssturm. Der strahlende Pedalenheld, der große „Eddy", sollte bei Drogen zusätzlich Hilfe gesucht haben? Ganz unmöglich, nur böse Italiener konnten ihm diesen Streich gespielt und das inkriminierte Pharmakon in ein Getränk geschmuggelt haben, das Merckx völlig ahnungslos zu sich nahm. Welch hinterhältiger Schurkenstreich! Da es wieder einmal ums große Geld ging, wurde Merckx vorzeitig begnadigt, damit er seine Rolle bei der Tour de France, der größten Schinderei, die im Berufssport existiert, spielen konnte. Rudi Altig wurde bei der Tour mit einer Strafzeit von 15 Minuten bedacht, weil er zum erstenmal ertappt worden war. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als er sowieso schon nach spektakulären Anfangserfolgen hinterherradelte, ehe er nach einem Sturz ganz aufgab. Immerhin, zwei große Mietshäuser nennt er als Trostpflaster schon sein eigen.
Manche Schreiber benutzen gern solche Affären, um mit dem moralischen Zeigefinger auf die Korruption im heutigen Sport hinzuweisen. Sie vergessen eines, daß auch Sportler und besonders Profis, die zwar von der Schar ihrer „Fans" nur im verklärenden Licht der Gloriole oder gar im überirdischen Heiligenschein gesehen werden, in Wahrheit aber höchstens Prototypen und damit Kinder ihrer Zeit sind.
In unserer Leistungswelt mit ihren einseitigen Belastungen, ihren Überforderungen und Versagenszuständen hat die pharmazeutische Industrie sich längst nicht nur auf die Herstellung von reinen Medikamenten beschränkt, sondern sie operiert auch mit ihren Produkten in dem weiten Feld zwischen Gesundheit und Krankheit. Der tägliche Griff zu den Pillen, um gegendie auftretenden Symptome der Dysregulationen im Organismus anzugehen, und um das reduzierte Leistungvermögen wieder zu erhöhen, ist für Millionen Menschen in der zivilisierten Welt schon fast zur Lebensgewohnheit geworden. Und da sollte ausgerechnet der Sportler, der sich in Gestalt des Profis in dieser Erfolgsgesellschaft integriert hat, auf jedes chemische Hilfsmittel verzichten? Er wird dort besonders oft zur Droge greifen, wo er überfordert wird und sich die unerhörten Belastungen, wahre Streß Situationen am laufenden Band, wie bei den großen Straßenrennen über Tage und Wochen hinziehen. Dort vor allem, wo es gilt, die einsetzende physiologische Ermüdung energisch zu bekämpfen, bieten sich bestimmte synthetische „Aufputschmittel" geradezu an.
Daß heute die Droge eine Drohung für den ganzen Sport geworden ist, steht sicher außer Zweifel, und die Maßnahmen der Verbände, um die Sünder zu überführen, sind notwendig und berechtigt, wenn sie auch nicht gleich zu Antidopinggesetzen von Staats wegen führen mußten, wie das in einigen Radsportländern nun der Fall war. In der Affäre Altig soll es sich bei den nachgewiesenen Präparaten um Amphetamine beziehungsweise Weckamine gehandelt haben, zu denen auch Pervitin und Benzedrin gehören.
Die Geschichte dieser Drogen ist viel älter als gewöhnlich angenommen wird. Der Pharmakologe Lewin zitiert in seinem Buch über die Phantastika den deutschen Afrikaforscher Schweinfurth, der schon Ende des vorigen Jahrhunderts mitteilte, daß im Jemen die Bewohner häufig „Kat" kauen „Das Kat verursacht eine erfreuliche Erregung und Aufheiterung, Fernhaltung des Schlafbedürfnisses, Auffrischung der Energie in den heißen Stunden des Tages und ebenso auf langen Märschen und Nichtaufkommenlassen des Hungergefühls " Dieser Bericht könnte fast auch die psychische Wirkung der heute synthetisch hergestellten Weckamine beschreiben. Die Droge des Katstrauches wird schon 1332 zum erstenmal erwähnt. Aber erst 1907 wurde nachgewiesen, daß das wirksame Prinzip des Kat in seiner Strukturformel dem Benzedrin verwandt ist. Das Benzedrin wurde bereits 1887 chemisch hergestellt, das Pervitin, doppelt so wirksam, das heute unter vielen Namen in den Handel kommt, dagegen erst 1934. Beide Präparate beeinflussen sowohl körperliche als auch psychische Funktionen, haben also, wenn man so will, eine Doppelnatur. Diese Wirkungen sollen nun kurz besprochen werden, dam it klar wird, warum gerade solche oder verwandte Pharmaka eine kaum zu widerstehende Verführung auf die Straßenrennfahrer ausüben.
Die Wirkung des Pervitins auf den Kreislauf ist experimentell vielfach belegt, dabei ist allerdings, wie Bonhoff und Lawrenz in ihrer Monographie ausführen, noch nicht sicher entschieden, ob der Kreislaufeffekt durch überwiegende Einwirkung auf die Peripherie oder auf das Herz zustande kommt. Während der Atmung wird ein ökonomisierender Effekt beschrieben, das heißt die Zahl der Atemzüge wird vermindert, die Atemtiefe, also die pro Atemzug ventilierte Luftmenge, dagegen erhöht.
Daneben wurden noch weitere Wirkungen auf andere Organsysteme nachgewiesen, die aber für den Sportler nicht von einer die Leistung entscheidend beeinflussender Bedeutung sein dürften. Die Frage erhob sich, ob die Weckamine, wie Pervitin und Benzedrin, bei längerem Gebrauch nicht eine Schädigung des blutbildenden Systems hervorrufen, da sie in ihrer Strukturformel einen Benzolring enthalten. Nach dem bisherigen Stand des Wissens ist mit einer solchen Schädigung aber nicht zu rechnen.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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