Die Eroberung Utopias
TVfie zuvor waren so viele Menschen in einen l ii „Netzplan" moderner Technik eingespannt; noch nie galt es, eine derart komplizierte Aufgabe (nicht nur) angewandter Mathematik zu lösen; kein Team war je so groß und doch so einheitlich; und noch nie handelten Technik und Politik in Zeiten relativen Friedens so kurz entschlossen, wie beim Unternehmen „Apollo 11". Der Mond ist nicht „erobert" worden; denn abgesehen davon, daß die Unwirtlichkeit seiner Pudersandmeere keinen Pfad für Konquistadoren bietet, gibt es den Artikel zwei des von den USA wie von der Sowjetunion und 33 anderen Staaten ratifizierten Weltraumvertrages: „Der Weltraum, einschließlich des Mondes, unterliegt nicht der nationalen Aneignung durch Hoheitsansprüche durch das Mittel der Besatzung oder Okkupation oder durch sonstige Mittel " Die „Stars and Stripes" Flagge, die an einer Aluminiumleiste aufgespannt ist, weil es dem Mond an einer Wetter Atmosphäre mangelt, am Windhauch selbst, der das Tuch stolz blähen könnte, ist also kein Siegel der Okkupation. Aber sie ist mehr als nur binterlassenes Souvenir. Sie macht den Triumph deutlich.
Es gibt keinen Zweifel darüber: Das politische Gewicht der Mond Exploration durch die Amerikaner, erst sicherlich überschätzt, ist dann schließlich unterschätzt worden. Mao Tse tng mag seine mehr als sieben- oder acht- oder auch sechshundert Millionen Chinesen (es gibt eben Zahlen, die weniger gewiß sind als Mondflug Daten) mit einer Mauer des Schweigens 1 umgeben, vielleicht hat mehr als ein Drittel der Menschen nicht mehr als ein Gerücht von diesem Unternehmen vernommen — doch in der Welt, die reagiert, ist der „häßliche Amerikaner" ansehnlicher, bewundernswerter geworden.
Vergessen sind der Schock des piependen Sput niks und Jurij Gagarins „Ich bin schon da" als erster Mensch im Weltraum. Die Amerikaner haben als erste eine neue Küste erreicht „ColumFahrzeuge mit symbolträchtigen. Namen, haben sich und Amerika an die Spitze des technologischen Fortschritts gesetzt.
Und „Fortschritt" ist da keine abgenutzte Vokabel des Positivismus. Es gibt das positivistische Wahrheits Kriterium des Vorausrechnens; nur, in dieser „Betritt den Mond" Aktion ging es um handfeste Angelegenheit diesseits jeder Metaphysik. Wer sich den Fernseh Blick in die Leitstelle von Houston, Texas, nicht trüben ließ, konnte feststellen: da saßen junge, schweigsame, selbstsichere Männer, die sich mit den nicht minder schweigsamen, ihre Phantasie in Zahl und Chiffre fesselnden Lunanauten im Richtig oder falschCode verständigten, jedes Wort entscheidungsträchtig, keine Silbe, in die sich Pathos einschlich. Die Selbstverständlichkeit, die Bescheidenheit des in seine Logarithmen Arbeit eingespannten, den Computer fütternden und den Computer überwachenden Menschen, ob in der Mondfähre oder in der fünften Reihe im Kontrollzentrum druck des Unternehmens „Apollo 11"; und das erst bestätigt auch den technologischen Triumph der Amerikaner.
Ihre hochtrainierten Weltraumfahrer haben den Mond betreten und wieder verlassen. Wir haben es gesehen und haben Genugtuung empfunden. Wir haben einiges gespürt: von der neuen Zeit, die da angebrochen ist und die Disziplin ohne Uniform Stehkragen erfordert, eine~ Zeit, die auf Akkuratesse pocht und sich, wortwörtlich, „nichts vormachen" läßt. Der Mensch hat den Mond betreten, nun gut. Er hat bewiesen, daß er utopistisch anmutende Aufgaben zu lösen versteht. Auf der Erde, unserer Erde, hat er jetzt noch genug Lösungen zu suchen.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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