Dr. Seltsam und die Gesellschaftslügen
Betrifft: Umwälzung der Sexualmoral Von Hans Krieger
Auf Seite 215 sagt "der Autor über den Autor: „Kompromißlos entlarvt dieser seltsame Mann di Gesellschaftslügen unserer Zeit; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 256 S, 19 80 DM sind die Widersprüche einer Gesellschaft, die sich für aufgeklärter hält, als sie ist, und in ihrem schüchternen Tasten nach einer liberaleren Moral, da sie einstweilen Angst vor der eigenen Courage hat, sich lieber mit taktischen Arrangements behilft, anstatt mit Grundlagenkritik die tradierten Verhaltensnonnen beherzt in Frage zu stellen und sich neue zu schaffen. Für das Komische dieser Situation hat unser Mann einen scharfen Blick; mit beißendem Hohn übergießt er eine Sexualpädagogik, di innerhalb bestehender Tabus Aufklärung betreiben will und die Jugend zu lehren beansprucht, was diese auf keinen Fall anwenden soll.
Da er aber als psychotherapeutisch geschulter Arzt einerseits nicht umhin kann, die verheerenden seelischen Folgen einer repressiven Sexualmoral zu erkennen — schließlich verdankt man ihm das schöne Schlagwort von den „ekklesiogenen Neurosen" — und für das Recht des Natürlichen zu plädieren, als konservativ empfindender Mann andererseits einer der Zuchtrute entwachsenen Menschheit wenig Gutes zutraut und hinter Lockerungen der Tabuschranken die Unterminierung der Familie als Fundament aller Moral und Keimzelle staatlicher Ordnung argwöhnt, bleibt er selber in diese Widersprüche heillos verstrickt und darauf angewiesen, von Fall zu Fall entweder das Kind mit dem Bade auszuschütten oder sich auf jene weit älteren Gesellschaftslügen zurückzuziehen, die gemeinhin als gesunder Menschenverstand firmieren. Gegen Sexualpädagogik hat er was, denn sie wäre überflüssig, wenn es nur in den Elternhäusern „natürlicher" zuginge; daß es dort so „natürlich" nicht zugeht, findet er aber auch wieder natürlich, denn schließlich haben alle etwas zu verbergen; also verläßt er sich gar nicht ungern darauf, daß schon zur rechten Zeit ein leicht schwachsinniger älterer Knabe zur Stelle ist, der vor staunenden Kleinmädchenaugen seine männliche Potenz demonstriert und auch die Warnung vor bösen Folgen nicht vergißt, das Problem mithin, das als ein „echtes" ein unlösbares und folglich gar keines ist, sich von selber erledigt.
Er riskiert eine detailgenaue, höchst anschauliche Beschreibung eines Coitus samt Vorspiel mit Cunnilingus und Eichelkuß — nicht um mit einem mutigen Vorstoß ins vermeintlich Pornographische die Grenzen des Sag- und Darstellbaren zu erweitern, sondern lediglich um zu beweisen, daß in geschlechtlichen Dingen nichts unehrlicher sei als der Anspruch, ehrlich zu sein. Wie behält man in so widersprüchlicher Position am besten recht? Man ersinnt sich einen imaginären Gesprächspartner und arrangiert dessen Einwürfe so, daß mit ihren offenkundigen Ungereimtheiten auch ihre Vernunft miterledigt scheint und der billige logische Triumph über absichtsvoll schwachbeinig gewählte Gegenargumente eine stringente Beweisführung vortäuscht. Dieses Verfahren handhabt unser Autor virtuos und mit einem effektvoll dosierten Schuß jenes verständnisvollen Zynismus, den man in ihrem Beruf abgebrühten Ärzten gerne nachsagt. Es gibt ihm die Gelegenheit zu beiläufigen sarkastischen Ausfällen gegen Demokratie und Wohlfahrtsstaat, gegen Frauenarbeit und weibliche Gleichberechtigung, es erlaubt ihm, unterschwellige Angst um die Zukunft der weißen Rasse zu mobilisieren und seine massiv moralischen Vorbehalte gegen hormonale Antikonzeption mit professoraler Bangemacherei zu verbrämen. Das verkappt Unmenschliche der Position verrät sich mittelbar in der schnoddrigen Süffisanz des Tonfalls, unvermittelter dort, wo er die Bestrebungen zur rechtlichen Entdiffamierung des unehelichen Kindes als familien und gesellschaftswidrig verdammt.
Leider erst auf Seite 244 schaltet sich in das ungleiche Rollenspiel die liebe Gattin mit der Bemerkung ein: „Ich bin angenehm überrascht, Als Rezensent muß man eben manches bis zur Seite 244 und notfalls länger ertragen; so hat jeder Beruf seine Schattenseiten, nicht nur der des Gynäkologen.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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