Fortschritt oder Reaktion?
Neue Bücher und Schallplatten über den deutschen Widerstand
Die Literatur über den deutschen Widerstand ist für den Normalleser unübersehbar geworden. Manches von dem, was in letzter Zeit erschien, ist nicht bloß wissenschaftlidi interessant, sondern verdient, einem größeren Publikum angezeigt zu werden. Vorab zu nennen ist, dertneue dtv Dokumentenband „Deutscher Widerstand 1938—1944. Fortschritt oder Reaktion?"! hrsg von Bodo Scheurig; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1969; 331 Seiten, 4 80 DM, der die Pläne und Denkschriften von Beck, Goedeler, Hasseil und den Kreisauern vereinigt. Das V9r- und Nachwort Bodo Scheurigs, abgewogen in Kritik und Würdigung, ragt weit heraus aus der Flut der Gedenkartikel und reden, die in diesem Jahr zum 20. Juli verfaßt wurden. Er verschweigt nicht die Illusionen, denen prominente Mitglieder des Widerstandes noch im Sommer 1944 anhingen, als das Schicksal des geschlagenen Deutschland kaum noch zu wanden war („Blindheit oder — schlimmer noch — Selbstbetrug?"), weist nüchtern nach, daß die Kundgebungen des „Nationalkomitees Freies Deutschland" realistischer waren als die Thesen der innerdeutschen Widerstandsbewegung und steht nicht an, einiges an den Zukunftsplänen der Verschwörer als reaktionär und restaurativ zu bezeichnen. Aber er warnt auch vor ungerechten Urteilen: „Die Gedanken des deutschen Widerstandes zu bedenken, bleibt lohnend genug " Viele von denen, die Hitler im Sommer 1944 auf Tod und Leben bekämpften, gehörten zu denen, auf die er sich in den ersten Jahren seiner Macht und auch noch zu Beginn des Krieges stützen konnte. Ungewollt bezeugt dies Walter Chales de Beaulieu: „Generaloberst Erich Hoepner. Militärisches Porträt eines Panzer Führers"; Kurt Vowinckel Verlag, Nedkargemünd 1969; 264 Seiten, 21 80 DM. Der ehemalige Generalstabschef des Generalobersten preist (im Jahre 1969!) Hoepners Blitzmarsch nach Warschau im September 1939 als großen außenpolitischen Erfolg, „der der Welt die militärische Schwäche Polens offenbarte und aktive Hilfsmaßnahmen seiner Verbündeten . unwahrscheinlich werden ließ". Nicht minder fatal wirkt es, wenn als eine von Hoepners Leistungen „die schnelle Besetzung Prags im März 1939" hervorgehoben wird. Einer Untersuchung wert wäre die von de Beaulieu in Frage gestellte These, daß Hitlers Haltebefehl vor Moskau im Winter 194142 geholfen habe, die Front zu stabilisieren. Hoepner widersetzte sich dem Befehl, weil er ihn für unsinnig hielt, und wurde — davongejagt. In dem Buch bleibt Hoepners Rolle im Widerstand unerörtert. Eine verdiente und überfällige Laudatio auf einen der wichtigsten, aber wenig bekannten Widerstandskämpfer sei hier nicht vergessen: Hermann Bosch: „Heeresrichter Dr. Karl Sack im Widerstand. Eine historisch politische Studie"; Gotthold Müller Verlag, München 1967, 102 Seiten, 10 80 DM.
Der hessische Pfarrerssohn und Richter Sack hatte sich schon 1934 in die innere Emigration begeben: er trat in den Justizdienst des Heeres und stieg in einer Blitzkarriere zum obersten Heeresrichter auf. Sack hat in der Fritsch Affare die Unschuld des Generalobersten ermittelt ad alles versucht, um diesen Skandal für eine Aktion gegen das Regime auszunutzen. Er arbeitete früh mit der Gruppe Oster und den Männern der Bendlemraße zusammen und hat viele Menschen vor dem Zugriff der Gestapo und vor dem Henker bewahrt. Zusammen mit Canaris, Oster, Bonhoeffer und anderen wurde er in den letzten Kriegstagen in Flossenbürg gehenkt — an Klaviersaiten.
Dem Andenken des christlichen Gewerkschaftsführers Max Habermann gewidmet ist die kleine Schrift Alber Krebs: „Der Weg in die Freiheit"; als Manuskript gedruckt, 1968; 32 S, Privatdruck Max Möller, Hamburg; 5 — DM.
Der Verfasser der ausgezeichneten Biographie des „Hochverräters" Fritz Dietlof Graf von der Schulenburg wählte diesmal eine literarische Form, um die Situation eines Mensdien einzufangen, der nicht mehr als Flüchtling im eigenen Lande leben will und bewußt den Kreuzweg einschlägt. Diese Erzählung, geschrieben mit einem Pathos, das unserer Generation fremd geworden ist, spiegelt mehr als nur die Passion eines einzelnen — sie birgt ein unverfälschtes Stück niedersächsischer Dorfidylle des Kriegssommers 1944, in der die Menschen freilich so schlecht und recht handelten wie ansonsten auch. „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer General von Witzleben sprach sie vor, die neue Eidesformel, die den deutschen Soldaten nach dem Tode Hindenburgs im Jahre 1934 unmittelbar auf Adolf Hitler verpflichtete. Zehn Jahre später beschimpfte Blutrichter Freister den Generalfeldmarschall Witzleben — nun nur noch „Angeklagter"— als „Ehrgeizling". Diese beiden Szenen zählen zu den eindrucksvollsten Passägen einer Plattenfolge, die mittels 33 Tondokumenten aus den Jahren 1931 bis 1944 die Geschichte des deutschen Widerstandes festhalten soll: „Widerstand im Dritten Reich", zwei Christophorus Herder Verlag Schallplatten in Kassette, CK 70 315, 2X30 cm, 33 UpfM, 42 — DM. Es sind, wie Theodor Heuss in seinem Geleitwort sagte, „keine Schallplatten, die man sich zum Vergnügen, zur Unterhaltung anhört". Die geifernde Stimme Freislers ist mehrmals zu hören; selbst bei der naturgemäß schlechten Aafnahmequalität ist noch etwas von der zynischen Kälte spürbar, die er im Gerichtssaal verbreitete. In knapp zwei Stunden Laufzeit werden repräsentative Beispiele sowohl für die Terrorherrschaft als auch für die Widerstandsregungen innerhalb des deutschen Volkes aufgeführt —Im selben Freiburger Verlag erschien „Im Angesicht des Todes. Letzte Briefe und Aufzeichnungen von Opfern des NS Regimes", Musik von Charlotte Niemann; CGLP 73 706, 30 cm, 33 UpM, 25 —DM. Diese Platte sollte man sich in stillen Stunden vorspielen (versammelt sind Zeugnisse auch von Ausländern, von der „Weißen Rose", von Kommunisten). Nicht ohne Betroffenheit vernimmt man nach so langer Zeit die Bitte des Jesuitenpaters Delp: „Behaltet dieses Volk lieb!"
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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