Generaldirektor von Geburt

Prinz Johannes — Deutschlands reichster Mann Von Karl Günter Simon

Butler Joseph serviert die Leberknödelsuppe. Ist er nun ein Fossil oder eine Karnevalsfigur? Er gibt sich würdevoll, greift nach feinen Limoges Tellem mit weißen Handschuhen, trägt erhaben ein Bäuchlein in blauer Livree. Alles ist edel, Spätbiedermeier und Louis Seize, doch ohne den Geruch von alten, feuchten, dicken Mauern. Es gibt ja Wände, der moderne Reisende weiß sie aus Schloßhotels zu schätzen, die schimmeln vor lauter Tradition. Es gibt ja Flure, die einschüchtern, und nicht nur Grabräuber und Herrn K. Das Prinzip zum Kotau zu zwingen durch Pyramiden Dimensionen, haben Direktionsetägen s Pressehäuser, Ministerebenen übernommen. Hochhäuser mit lautlosen Fahrstühlen, aus denen kein Entrinnen ist, verwandeln es ins Vertikale. Nichts davon. Hierhin führt ein Treppchen, hier sind die trauten Maße eines Junggesellenappartements. Und der Junggeselle liebt halt seine Urgroßeltern.

Wenn ich das Haupt — geneigt, Durchlaucht, vornehm zu parlieren — von der Suppe hebe, fällt mein Blick auf einen mannsgroßen Herrn in öl. Ludwig der Fünfzehnte, der letzte Bourbone, dem es gelang, nicht geköpft zu werden. „Einer meiner Vorfahren", sagt lässig Seine Durchlaucht Prinz Johannes.

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Von Thurn und Taxis, Buchau und Krotoszyn, Wörth und Donaustauf und was man den Leuten sonst noch alles anhängt. Wobei er sich, neben dem Moselwein, ein Bierglas vollschenkt: TaxisPils. Solche Tischsitten kann sich nur ein echter Kronprinz leisten. Die Brauerei gehört ihm. Er ist vermutlich Deutschlands reichster, er ist 43. An der Tür zu seinem Arbeitszimmer im Regensfourger Schloß, Flure freilich, Flure, steht ganz sachlich: „Chef der Gesamtverwaltung", ohne Krönchen. Dahinter verbirgt sich eine Doppelrolle: was die Fürstlichkeit betrifft, ist er noch Kronprinz, was das Vermögen betrifft, herrscht er schon. Als der Großvater, Fürst Albert, starb, 1952, vererbte er, wie es sich nach salischem Erbfolgerecht gehört, die Fürstenwürde seinem ältesten Sohn Franz Joseph. Weil aber Franz Joseph keinen männlichen Erben mehr hatte, der einzige Sohn war vor Stalingrad gefallen, wurde Neffe Prinz Johannes der nächste der salischen Reihe. Fürst Albert machte ihn, mit dem gesunden Sinn reicher Leute für erbschaftssteuerliche Angelegenheiten, zum Vorerben des Vermögens. So verwaltet denn der Kronprinz, „Chef der Gesamtverwaltung", seinen eigenen Besitz.

Zweiter Gang: Rehrücken.

Der Prinz kratzt die Champignons aus den Kärtoffelstrohkörbchen und ist gleich beim Thema: „Sehen Sie, der Unterschied ist doch der — wenn Herr Soundso einen Trottel zum Sohn hat, dann bleibt er anonym, wenn einer von uns trottelig ist, dann heißt es gleich: die Adeligen " Er läßt die Mundwinkel sarkastisch nach unten fallen, zieht die Augenbrauen eine Spur arrogant nach oben, spielt a bisserl dekadent. Das Problem betrifft ihn nicht. Er ist weder Trottel noch Vater. Trottel, das wären die anderen, er steht mit beiden Beinen fest auf dem Parkett, vergangener Größe nachzuweinen hat er nicht nötig, er ist noch immer groß genug: Was ihn von mühsam gewordenen Kronprinzen unterscheidet, ist die Nonchalance. Kein Krampf, kein Ehrgeiz — er, Generaldirektor von Geburt, hat, die Freiheit vom Gelde mitgeerbt. Daß er es zu mehren trachtet, gehört zu den Selbstverständlichkeiten eines Wirtschaftlers.

Die Palette seiner vielfältigen Qualitäten mit der jener Wirtschäftsbösse zu vergleichen, die sich mühsam zum Vorstandsmitglied emporgerackert haben, wäre nicht schicklich. Es hieße den Nuancenreichtum eines Impressionisten an einem PopArt Poster messen. Er ist ein farbiger Charakter. Was er auf so souveräne Weise versteckt, daß ihm die Witze ganz trocken von den Lippen fließen: „Kennen Sie, weil wir gerade beim Adel sind und bei seinen Verpflichtungen — kennen Sie den Unterschied zwischen einem Marquis f ranjais und und einem Prince ällemand? Nein? Der Marquis geht auf alle Feste, der deutsche Prinz nur auf die Beerdigungen, da trifft er die wichtigen Leute " Und dann, wirft der Hofrat Schneider, Doktor, Doktor, der Majordomus des Hauses, ehrerbietig über den Tisch, müsse Durchlaucht die köstliche Geschichte aus New York erzählen. „Lerner hatte mich zu einer Premiere eingeladen, ich glaube, es war Miller. Ich gehe in meine Loge, und plötzlich — habe ich ein Schießeisen im Rükken. Ich war aus Versehen in die Loge von Ladybird geraten " Er kennt die Welt von Vancouver bis Regens- bürg, auch wenn er nicht auf alle Feste geht, redet den Ober im Maxim mit Namen an, wenns sein muß, weiß im New Yorker El Morocco die guten Tische von den schlechten - zu unterscheiden, sagt, süffisant: Als das Morocco noch der Mafia gehörte, war es besser Das Größte aber ist immer noch Brasilien: „Das ist schon sehr eigenartig. Ich stehe von einer Aufsichtsratssitzung in München auf, und zwanzig Stunden später reite ich mit umgeschnalltem Revolver im Urwald spazieren. Da herrschen noch Sitten " Einer, sagt er ganz elegisch, der Schulden bei ihm hatte, wollte ihn ermorden lassen. Durchlaucht merkte es rechtzeitig und schenkte dem ,, potentiellen, Mörder drei FlaSehenÄer - Dafür blieb er leben. Als die Straße noch nicht lertig war, die inzwischen die Grundstückspreise iochgetrieben hat, fuhr er von Säo Paulo sechs Tage mit dem Jeep „Unterwegs mußte ich manchmal in Bordellen übernachten Schlaflose Nächte, sagt er, zuviel Krach.

Aus solchen Geschichten, im Maßanzug von Dietl auf hundertjährigem Gestühl, schmeckt man schon die Souveränität. Gewiß, er hält sich gerade wie de Gaulle, hat seine Eitelkeiten. Aber er hat mehr als eine Rolle im Repertoire. Wenni ihn ankommt, spiglt er den Playboy, fährt im LinebMsps&ierearder einst für Kennedy bestimmt war, zeigt sich mit Soraya, mit einer Holzschuher oder Auersperg, geht auf die Jagd, fährt Wasserski, hat eine rosa Nelke im Knopfloch, ein Krönchen im Taschentuch und eine Motorjacht im Mittelmeer.

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