Mann von Geist und Tat
Christopher Sykess „Troubled Loyalty". A Biography of Adam von Trott; Verlag William Collins, London 1968; 477 Seiten, 45 h. Der Verlag Eugen Diederidhs in Düsseldorf bereitet eine deutsche Übersetzung des Buches vor, die unter dem Titel „Adam von Trott" — Eine deutsche Tragödie (etwa 320 Seiten mit 16 Bildtafeln; 22 Mark) im September erscheinen soll.
Ein Unbehagen schleicht sid? ein angesichts des Titels der englischen Originalausgabe, und erst gegen Ende des nicht eben umfangarmen Buches beginnt es, scheinbar zu weichen, dort nämlich, wo die Beschreibung des Photos, welches Adam von Trott unmittelbar nach Anhörung seines Todesurteils durch den Freislerschen Volksgerichtshof zeigt, den Autor zu der Feststellung gelangen läßt: „His Loyalty was no longer troubled Die Genugtuung, die man dieser Aussage entnehmen kann, ist zumindest zwiespältig. Was mag Sykes bewegen haben, seinen Helden mit einem Schein von Glanz zu umgeben? Bis zu diesem Abschnitt — dem ohnehin nachhaltigsten des Buches — bleibt die Darstellung dieses Widerstandskämpfers, einer Schlüsselfigur in den auswärtigen Beziehungen der Verschwörer, nur allzuoft an der Oberfläche. Chronologisch und über weite Strecken in langatmigen episodenhaften Passagen schleppt sich die Erzählung dahin. Dieses Buch ist ärgerlich, weil früh bereits der Eindruck haftenbleibt, daß es dem Autor erst in zweiter Linie um die Erfassung des Trottschen Denkens, Fühlens und Handelns ging, in erster Linie dagegen um eine Verfechtung und Rechtfertigung jener britischen Politik vor und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, die — aus welchen Gründen und Rücksichten auch immer — der deutschen Widerstandsbewegung wenig Vertrauen entgegenbrachte, wenn sie ihr nicht sogar offen mißtraute. Es kann daher kaum verwundern, wenn Sykes sich die These zu eigen macht, wonach für eine erfolgversprechende Aktion des Widerstandes gegen Hitler unmittelbar vor und dann während des Krieges eine moralische Unterstützung und direkte Hilfe von außen belanglos gewesen sei.
Gerade Trott war es, der seine Freunde im Ausland zu einer gegenteiligen Einstellung zu bewegen suchte. Aber Sykes ist überzeugt, Trott sei in „wirrem" nationalistischem, ja nationalsozialistischem Ideengut befangen gewesen und habe daher im Ausland wenig Gehör und Glaubhaftigkeit finden können. Dieser oberflächlichen und einseitigen Interpretation hat erst jüngst ein intimer Kenner der Materie, David Astor, Herausgeber des „Observer" und einst aus gemeinsamer Studienzeit in Oxford enger Vertrauter Trotts, leidenschaftlich und überzeugend widersprochen (siehe ZEIT, Nr. 29. David Astor: „20. Juli 1944, die Verschwörung mußte scheitern, weil die Alliierten die Signale nicht verstanden").
Sykes stützt weite Teile seines Buches auf Gespräche mit Verwandten und Freunden Trotts. Hier und da wirft er einige interessante Schlaglichter auf die Persönlichkeit Trotts, vieles jedoch erscheint versimplifiziert, ohne innere Anteilnahme und Wärme. Vollends vermißt man eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit den außen, verfassungs- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen Trotts.
Dieses Buch vermag also nicht zu helfen, die wahre Bedeutung Trotts für den Widerstand im Dritten Reich kennenzulernen. Die deutsche Ausgabe, an der eine Reihe von Persönlichkeiten mitgewirkt haben, die damals mit Trott zusammenarbeiteten, wird jedoch diverse Verbesserungen aufweisen. Wolfgang Maass Adam von Trott tu Solzi Hegels Staatsphilosophie und das internationale Recht"; mit einem :Geleitwort von Hans Rothfels, Verlag Vandenhoeck in Ruprecht, Göttingen 1967; 144 Seiten, 9 80 DM.
Das Buch ist di wlederaufgelegts Doktor dissertation des 22jährigen Referendars Adani von Trott fcu Solz, der am 20, August 1944 als Teilnehmer an den Axtionen des 20, Juli 1944 hingerichtet worden ist, eine der edelsten GestaP ten dieses Kreises, Die gelehrte Arbeit, 1931 env standen, läßt von den beiden Dimensionen Geis und Tat, die der Autor großartig in sich vereinigte, sicherlich nur die erste erkennen, aber diese durchaus überzeugend. Die Neuheraasgabss (mit einer instruktiven Einführung durch Protessor Rothfels zur Person des Autors und zur Arbeit selbst versehen) verdient ganz allein für sich und nicht nur wegen der Person des Autors Lob und Interesse.
Erstaunlich ist sowohl die das Alter des Autors weit überschreitende Reife und Klarheit des Ausdrucks und der Gedankengänge, mit denen er vor allem im ersten, darstellenden Teil der Arbeit dem Leser die Hegeische Begriffswelt zugänglich macht. Was keine leichte Aufgabe ist, denn sotrohl in den Wortbedeutungen wie in der materiellen Gedankenwelt Hegels ist vieles auf noch dem professionellen Historiker der Philosophie zugänglich. Man denke, etwa an den Hegelschen Begriff der Freiheit, Vorzüglich sind die Abschnitte, die den Kern des Buches ausmachen, in denen die Folgerungen aus dem idealistischen Begriff des Staates, des Staates als Verwirklichung der sittlichen Idee, für das Verhältnis des einzelnen Staates zu anderen einzelnen Staaten gezogen werden. Hier stoßen sich die Ideen hart im Räume; diese andere Staaten haben nämlich dieselbe absolute Qualität, Aus diesem Nebeneinanderbestehen leitet Hegel die Ablehnung internationaler Institutionen und verbindlicher Rechtsnormen ab. Möglich sei nur Anerkennung der gegenseitigen Existenz und das, was sich aus dieser Anerkennung für den Krieg, die Kriegführung und die Kriegsbeendigung ergibt. Auch das Recht der Intervention könne sich möglicherweise aus der durch internationale Rechtsnormen unbeschränkten Souveränität des absoluten Wesens Staat ergeben.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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