Aus den Hauptstädten der Welt Warschau - eine düstere Messe
Unter den polnischen Intellektuellen herrschen Furcht und Resignation / Von Michael Mayer
Die polnische Hauptstadt gibt sich moderner denn je, modern im Sinne farbenfroher Kleider, gewagter Miniröcke, hippiesker Sonnenbrillen und Barte. Ein Hauch von exklusiver Unbeschwertheit durchzieht die Straßencafes in der Krakauer Vorstadt wie die ruhig bürgerlichen Restaurants in der Altstadt, dort, wo Warschaus Polen unter sich sind.
Gedämpfte Kaffeehausunterhaltungen. Man begrüßt und verabschiedet sich ritterlich wie ehedem mit Handkuß, schwärmt für Beatmusik und Jazz, diskutiert neue Filme, die jüngsten Ergebnisse der Friedensfahrt — und meidet politische Themen. Nichts erinnert in der frühsommerlichen Idylle des sonnigen Spätnachmittags an den Warschauer politischen Alltag, nichts erinnert mehr an die Studentenunruhen vom März vorigen Jahres, nichts an deren traurige Folgen, die Polens Intelligenz besonders hart betroffen haben. Und auch der Kulturpalast, das Prunkgebäude, das seit Jahren Warschaus Buchmesse beherbergt, strahlt unerschüttert stalinistische Ruhe aus.
Der Schein trügt, wie immer, und in Polen heute ganz besonders. Schon der zweite Blick — in den Kulturpalast zum Beispiel, ins magere Angebot an polnischen Verlagsnovitäten — fördert Reflexe der sogenannten großen Politik aufs kulturelle Leben Polens zutage, Reflexe, die das harmlose Bild einer eislöffelnden Kaffeehausgemeinde in ein anderes Licht rücken: Die dort zur Schau getragene Apolitizität ist nicht apolitisch; politisch ist, nicht über Politik zu reden, nicht das Parteiorgan Trybuna Ludu zu lesen, sich nicht an den bevorstehenden Wahlen zu beteiligen, Protest gegen einen politischen Prozeß, der mit den Prinzipien einer sozialistischen Demokratie wenig zu tun hat, einen Prozeß, dessen Ergebnis im vorhinein bekannt ist. Wie genau es die Partei indes mit denen nimmt, die ihre Wahlaufforderung nicht bestätigen lassen, zeigt die Tatsache, daß sie ihnen Hausbesuche abstatten und nach den Gründen solcher Wahlabstinenz forschen läßt — eine Maßnahme, die von der Erstellung einer schwarzen Liste gar nicht weit entfernt ist und die zeigt, wie groß das Mißtrauen der Regierenden gegenüber Polens Regierten, den potentiell Unbotmäßigen, wirklich ist. Tatsächlich sei, hört man in Warschau, der Uberwachungsapparat der Sicherheitspolizei heute weiter, umfassender und mächtiger als zu Zeiten Stalins, vor 1956 also : Briefe aus dem kapitalistischen Ausland sind in der Regel acht bis zehn Tage, möglicherweise auch länger unterwegs; sie werden gelesen, wie die Telephone abgehört werden. Daran hat man sich in Polen längst gewöhnt, und wer Besuch ausländischer Gäste hatte, darf auf den Besuch jenes unauffällig gekleideten Herrn rechnen, der gern und möglichst genau wissen will, was den Gästen erzählt worden ist. Vor mir liegt ein Zettel, den ich während eines Gesprächs auf der Messe zugesteckt bekam; die Mitteilung, die der Betreffende mündlich nicht machen wollte, lautet: „Mir hat ein guter Bekannter gesagt, daß es hier voller Spitzel ist und daß ich vorsichtig sein soll an den Ständen, es kann alles mit angehört werden " Selbst wenn diese Behauptung nicht zutreffen sollte, so ist die in ihr enthaltene Warnung doch symptomatisch für die allgemeine Atmosphäre wie für die Gesprächssituation — auf der Messe, in den Hotels und anderen Treffpunkten von Ausländern.
Trifft man dennoch Leute in Warschau, die ohne Rücksicht auf die Gefährdung der eigenen Person sagen, was sie meinen, so sind das Leute, „denen nichts mehr passieren kann", Leute, die aufs Schlimmste nicht mehr gefaßt zu sein brauchen, weil es viel schlimmer für sie gär nicht mehr kommen kann, Leute, die auf ihre Lage aber nicht apathisch resigniert, sondern erbittert, aggressiv reagieren, schwankend zwischen feinem Hohn, beißendem Sarkasmus und Galgenhumor, der nicht hinwegtäuschen kann über die geradezu unwürdige Lage, in die Polens Intellektuelle hineinmanipuliert worden sind. Vierzig Autoren, heißt es, haben Publikationsverbot. Es betrifft nicht nur schöngeistige, sondern auch wissenschaftliche Autoren, Politologen, Ökonomen, Soziologen, und es ist gestaffelt. So gibt es Autoren, die zwar nichts Neues publizieren dürfen, deren ältere, in Polen bereits verDöffentlichte und inzwischen mehrmals neuaufgelegte Werke auch weiterhin gedruckt werden; es gibt Autoren, die nicht publizieren, immerhin aber übersetzen dürfen; es gibt Autoren, die nichts publizieren, aber immerhin zitiert werden dürfen — wenn auch nur im negativen Sinn. Dieses Publikationsverbot wird in seinen säuberlichen Unterschieden so perfekt eingehalten, daß es auch Autoren gibt (darunter nicht gerade unbekannte), die sich von Zeit zu Zeit das zum Unterhalt Fehlende durch das Austragen von Milchflaschen verdienen. Man verdiene nicht schlecht dabei, überdurchschnittlich gut sogar, aber um vier Uhr früh aufstehen Als Gründe für das Publikationsverbot gelten: Teilnahme an der Versammlung der Warschauer Schriftsteller Sektion im März 1968, die gegen das Verbot eines klassischen Theaterstücks (der „Totenfeier" von Adam Mickiewicz) protestiert hatte, in Unterstützung des Studentenprotests; Kritik am Einmarsch polnischer Truppen in die CSSR im August 1968, dessentwegen einige Schriftsteller ihr Parteibuch zurückgegeben hatten.
Freilich wird das Publikationsverbot, das sich unverkennbar in den aktuellen Verlagsprogrammen spiegelt, fragt man an offizieller Stelle, nicht eingestanden. Die Antworten auf die Frage, warum zur Zeit kein Stück von Slawomir Mrozek, dem beliebtesten, in Paris lebenden polnischen Satiriker der Gegenwart, zu sehen sei, lauten: Nun, zur Zeit werden seine Stücke eben nicht gespielt, wahrscheinlich bestehe bei den Theatern, die die Publikumsnachfrage doch wirklich besser beurteilen können als man selbst, kein Interesse. Oder es ist purer Zufall. Nur das Gerede von einer, schwarzen Liste ist Verleumdung, böswillige Erfindung, ein antipolnisches Schauermärchen.
Von ebenso untergeordnetem Interesse für die polnische Öffentlichkeit — wie Mrozeks Stücke — ist offenbar dieser Fall (denn er fand in keiner polnischen Zeitung Erwähnung): Während der Warschauer Buchmesse ermöglichte die Revision des polnischen Gesetzbuches auch die Revision des Verfahrens gegen einen Studentenführer vom, März 1968, den Mitverfasser des berühmten „Offenen Briefes an die Vereinigte Polnische Arbeiterpartei". Ergebnis des Revisionsverfahrens war nicht etwa Amnestie, sondern Strafverschärfung.
Es ist allerorten bekannt, daß die Bürokratie so rachsüchtig wie machterhaltend ist; in den Studentenprozessen in der Bundesrepublik begegnet man vergleichbaren Tendenzen. Weniger bekannt — oder gar plausibel — dürfte sein, worin sich viele polnische Intellektuelle heute einig sind, nämlich darin, daß es in Polen längst nicht mehr um die Verwirklichung eines sozialistischen Programms gehe, um fortschrittliche Ideologie, sondern einzig und allein um politische Macht.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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