Weder Glamour noch Prestige
Prinz Juan Carlos, der Nachfolger Francos, ist den Spaniern unbekannt Von Gunthar Lehner
Ein paar Zeitungsphotos, einige Mini Auftritte im Fernsehen, das war bis vor einigen Tagen alles, was das Regime an Publizität dem Prinzen Juan Carlos de Bourbon gewährte, den Generalissimus Franco nun als seinen Nachfolger „zu gegebener Stunde" nominierte. Frauen mochten Juan Carlos für melancholisch und schön halten. Freunde aus seiner Militär- oder Studienzeit schätzen seine wohlerzogene Korrektheit und die Intelligenz seiner griechischen Frau, der Prinzessin Sophia.
Der 31 jährige Prinz hatte wohl ni& die Chance, sich dem Spiel zu widersetzen, das Machiavellisten mit ihm trieben. Es hat ihm zwar eine königliche Karriere eröffnet, aber Spielball anderer wird er auch auf dem Thron bleiben, falls er ihn je besteigen sollte. Nach den Regeln dynastischer Erbfolge hätte sein Vater Don Jüan, der Graf von Barcelona, Anspruch auf den Thron Spaniens. Vor einigen Jahren noch hat Juan Carlos erklärt, er wolle seinem Vater den Vortritt lassen. Inzwischen ließ er sich umstimmen, dem Vizepräsidenten Admiral Carrero Blancp und dem Planungsminister Lozez Rodo wird dabei der entscheidende Einfluß zugeschrieben. Nach seinem 30, Geburtstag, der ihn offiziell regierungsfähig machte, fand der Prinz, die monarchistische Legitimität sei nicht nur durch sein königliches Blut und die Regeln der Erbfolge, sondern auch in den Gesetzen des frankistischen Regimes begründet.
Diese „Legitimität des 18. Juli", des MilitäraüfStandes gegen die Republik, des Beginns des Bürgerkrieges, hat sein Vater Don Juan, Sohn König Alphons XIII, freilich nie begehrt. Er hat immer zu verstehen gegeben, daß er als konstitutioneller Monarch die liberale Linie der spanischen Monarchie fortzusetzen wünsche. Seine Sympathie für Großbritannien, in dessen Marine er einige Zeit gedient hat, mögen diese Überzeugung bestärkt haben. Sie ließ ihn nicht Vater ausgespielt, ein Spiel, das nie den Rahmen nur für die Mehrzahl der spanischen Monarchisten als geeignetsten Kandidaten erscheinen, zeitweise sympathisierten mit ihm auch Kreise der republikanischen bürgerlichen Mitte und der Sozialisten. In einer Monarchie unter Don Juan sahen sie noch am ehesten eine Chance für einen unblutigen Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie westeuropäischer Prägung. Gerade dies aber kann Franco nicht wünschen. Systematisch hat er daher den Sohn gegen den des Schicklichen überschritt und die Vaterrechts Don Juans, der in Portugal lebte, zu respektieren schien. So wie Franco dreißig Jahre lang Anhänger und Gegner der Monarchie sorgfältig ia der Balance hielt, so operierte er auch gegenüber den möglichen Thronbewerbern, mal favorisierte er diesen, mal jenen. Um das Spiel spannender zu machen, wollten Gerüchte gelegentlich auch dei Kandidaten der revalisierenden carlistischen Linie, Hugo Carlos, oder sogar den lange Jahrs taubstummen Don Jaime, de Bourbon Dampierre in den Jongleurakt einbeziehen. Nun also ist dieses Spiel zunächst einmal beendet.
Dem designierten „Nachfolger" ist allerdings kein günstiges politisches Horoskop gestellt. Der Prinz ist bis heute dem spanischen Volk fast unbekannt. Weder Glamour noch Prestige treten für ihn ein. Mit der Monarchie als Institution verbindet sich bei den Massen weder Vertrauen noch Hoffnung in die Zukunft — sie ist ihnen gleichgültig. Unter den Monarchisten selbst trifft der Prinz auf feindselige Abweisung bei den Carlisten und auf Reserve bei einem Teil derer, die Anhänger seines Vaters sind. Die Falange und die Gewerkschaften sind kühl bis ablehnend. Die Opposition des Regimes wird in ihm nur die Puppe Francos erkennen. Die Kirche, in sich gespalten, wird ihm kaum eine Stütze sein. So lebt er allein von der Autorität Francos. Ohne und nach ihm wird er der ohnmächtigste Mann sein, wenn ihm nicht die einzige Macht zu Hilfe kommt, die in Spanien zählt: das Militär.
Spaniens Militär freilich ist die unbekannte Größe diese Landes. Seine Loyalität gegenüber dem Generalissimus stand nie in Zweifel. Aber es gibt Zeichen, daß die Vorstellungen von der Zukunft der Nation zunehmend differenzierter werden. Neben Generälen alter Schule, die in den Kategorien einer Militärdiktatur denken, gibt es auch jüngere Offiziere, die im Umgang mit dem amerikanischen Verbündeten liberalere Staats- und Gesellschaftsformen kennen und schätzen gelernt haben. Einige Sympathien dürfte es sogar für sozialistische Experimente geben, seien sie nun am Beispiel des Obersten Nasser in Ägypten oder an Fidel Castro orientiert. Was für eine Richtung auch immer sich in Spanien durchsetzen wird, es ist schwer zu sehen, welche ernsthafte Rolle der „Nachfolger" Juan Carlos dabei spielen könnte.
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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