Der Fall Defregger: Wie heilig ist der Bischof?
Kardinal Döpfner beharrt auf seiner Entscheidung München
Ddie „Spielhahnjäger", warteten vergeblich auf den Bischof, der einst als Offizier einer der ihren war und jetzt beim Kameradentreffen in Bad Reichenhall, wie auch früher schon, den obligaten Feldgottesdienst halten sollte. Eine Woche später, am vergangenen Sonnabend, mußte der Diakon Blasius Wagner aus Vagen bei Bad Aibling darauf verzichten, von seinem zuständigen Regionalbischof zum Priester geweiht zu werden. Das Erzbischöfliche Ordinariat München Freising hatte umdisponiert. Es befürchtete Demonstrationen und hielt es deshalb für angebracht, daß Weihbischof Matthias Defregger in jenem nicht genannten „Alpenkloster" bleibt, in das er sich vor nunmehr drei Wochen „bis auf weiteres" zurückgezogen hatte.
Was die Betroffenen möglicherweise nur als kurzlebige „Spiegel Story" zu betrachten geneigt waren, wuchs indes zu ej nem Fall heran, zu dem es täglich Neues zu vermelden gibt.
Es begann im Spiegel vom 7. Juli 1969 unter der Rubrik Kriegsverbrechen". Das Nachrichtenmagazin berichtete, daß der 53jährige Defregger, dem Julius Kardinal Döpfner im Herbst vergangenen Jahres die Bischofsweihe gespendet hatte, während des Krieges als Hauptmann und Kommandeur der Nachrichtenabteilung der 114. Jägerdivision den Befehl zu Geiselerschießungen weitergegeben hat. In einem Massaker wurden in dem Abruzzendorf Filetto, hundert Kilometer nordöstlich von Rom, am 7. Juni 1944 von Defreggers Untergebene siebzehn männliche Bewohner als Rache für einen Partisanenüberfall, bei dem ein deutscher Soldat getötet worden war, niedergemacht.
Die Bluttat von Filetto war in Deutschland bereits seit ein paar Jahren nicht mehr unbekannt. Frankfurts Oberstaatsanwalt Dietrich Rahn kam jedoch zu dem Ergebnis, daß sie „allenfalls als Totschlag, nicht aber als Mord gewertet werden" und der Beschuldigte Defregger „nur der Beihilfe zu einem Verbrechen des Totschlags schuldig" sein könne. Totschlag aber sei nach fünfzehn Jahren verjährt. Also schloß er die Akte Defregger.
Münchner Zeitungen am Tag nach der SptegelVeröffentlichung: „Münchner Weihbischof des Mordes verdächtigt" — in Großbuchstaben auf Seite eins der tz. Der im gleichen Haus erscheinende Münchner Af erkür klein auf Seite zwei: „Wirbel um Defregger". Kardinal Döpfner stellt sich rückhaltlos vor seinen Weihbischof und erklärt: „Erst als Defregger keinerlei Möglichkeit mehr sah, die Durchführung des (Erschießungs ) Befehls zu verhindern, gab er diesen einem Leutnant der Kompanie weiter. An der Exekution der siebzehn Dorfbewohner war er nicht beteiligt Im übrigen „tat Defregger alles, was in seiner Macht stand, um der Bevölkerung das schreckliche Geschick zu erleichtern. So ließ er Frauen und Kinder wegbringen, um ihnen den furchtbaren Anblick zu ersparen". Kommentar der Süddeutschen Zeitung: „Des Kardinals Erklärung ist leider höchst unbefriedigend Die katholische Wochenzeitung Publik findet, der Fall Defregger „traf weite Kreise des deutschen Katholizismus wie ein Schock, der die Sprache verschlägt".
iZweite Woche: Unter dem Eindruck zweier Reportagen aus Filetto, in denen die Dorfbewohner das grauenvolle Gemetzel und die anschließende Plünderung und Brandschatzung schilderten, erkundigen sich die ersten besorgten Eltern aus dem bayerischen Oberland im Münchner Ordinariat, ob die Firmung ihrer Kinder durch Weihbischof Defregger nun noch gültig sei. Nach einwöchigem Schweigen nimmt der Weihbischof in einem Brief „an die Priester und Gemeinden des Erzbistums München und Freising" zu den Vorwürfen Stellung „Ich versuchte zu retten, was zu retten war. Das schreckliche Töten gänzlich zu verhindern, fehlte mir die Möglichkeit. So wurde mir eine Prüfung auferlegt, von der ich selbst nicht sagen kann, wie ich sie bestanden habe. Ich kann mich nur dem Gericht Gottes ausliefern Er wolle sich nicht verteidigen, „aber Sie sollen wissen, daß das, was alle Welt nun weiß, seit fünfundzwanzig Jahren eine innere Belastung meines Lebens war " Sein Schweigen über die Vorgänge seit dem Krieg erklärt Defregger, der Berufsoffizier war und nach dem Krieg Theologie studierte, damit, er habe geglaubt, durch öffentliche Schilderung der Ereignisse und der „Ausweglosigkeit, in die ich verstrickt war", niemandem nutzen zu können. Nun aber dränge es ihn, die Einwohner von Filetto um Verständnis und Vergebung dafür zu bitten, daß er ihnen so wenig habe helfen können.
Der Münchner Merkur in einem Pro Defregger Artikel mit umwerfender Logik: „Es ist schwer nachzuweisen, wie vielen Menschen die militärische Tätigkeit des Leutnants Rudolf Augstein an der Ostfront das Leben gekostet hat " Der Präses der Kolpingsfamilie in Bayern, Ludwig Nieberle, der sich laut dpa für den Rücktritt des Weihbischofs ausspricht, gerät trotz seines Dementis und der Erklärung, falsch interpretiert worden zu sein, unter derart „massiven Druck", daß er sofort sein Amt zur Verfügung stellt. Im Für und Wider geben der Priesterrat und der Diözesanrat der Katholiken Erzdiözese Vertrauenserklärungen ab. Und der Bayernguter Mann der Kirche, braucht nicht zu demissionieren. Die Kirche Christi ist eine Kirclie für die Menschen durch die Menschen Die Bayerische Staatspartei wiederum nennt die Berufung Defreggers zum Bischof einen „unverzeihlichen Fehler" des Kardinals. Der Fall werde „zum eigentlichen Skandal Döpfner".
- Datum 25.07.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.7.1969 Nr. 30
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