Peter Fleischmann hat Martin Sperrs Theaterstück „Jagdszenen aus Niederbayern“ zu einem Drehbuch umgeschrieben und mit Sperr in der Hauptrolle verfilmt: Der junge Mechaniker Abram hat wegen homosexueller Delikte in Landshut im Gefängnis gesessen; in sein Heimatdorf zurückgekehrt, sickert seine Vergangenheit durch, die Bauern hänseln und jagen die „Drecksau“ (so seine eigene Mutter), treiben ihn schließlich zum Mord und übergeben ihn der Polizei. Andorra in Unholzing.

Der Film ist realistisch, ohne alle „formalistischen Zacken“, er erzählt einfach eine Geschichte. Zugleich aber hat Fleischmann einen kritischen Heimatfilm gemacht, nur: er erledigt das Genre ganz beiläufig, die Story selber tut es sozusagen. Die verbiesterte Frömmigkeit beim sonntäglichen Kirchgang, soziale Kontrolle als dörfliche Gesellschaftsordnung, die sich Luft macht in den kleinen Bosheiten gegen den Nachbarn, die Dorfhure, die Gastarbeiter, die Witwe, die zu schnell Trost gefunden hat – schon die erste Szene eine lustige bayerische Hatz aller gegen alle. Und dazu, im Gegenschnitt, mit einer Almschnulze unterlegt, die friedliche Welt im Schweinekoben: ein gekonntes Ade an den gängigen Kitsch des Förster- und Alpen- und Berggipfelschwulstes.

Um den „täglichen Faschismus“ an einem Modellfall geht es Fleischmann, nicht theoretisch vorgetragen, sondern durch das „authentische Ambiente“, den prallen, elementaren Fall verdeutlicht. Die Handlung könnte sich in jeder anderen Gegend, auch in einem Häuserblock oder im Wohnviertel einer Großstadt abspielen.

Der Film wurde bei den Festspielen in Cannes und Berlin gezeigt, hat Preise (Bundesfilmprämie, beste Nachwuchsregie) und das Prädikat „besonders wertvoll“ erhalten, läuft erfolgreich im In- und in Kürze im Ausland.

Anerkennung auf der ganzen Linie – nur die Südbayern danken es dem Regisseur nicht, im Gegenteil: Ihr Konterfei gefällt ihnen gar nicht, für die zeit- und ortlose Gültigkeit der Geschichte bringen sie wenig Sinn auf. Der clevere Produzent Rob Houwer bringt ihre Briefe inzwischen als broschierten Zitatenschatz unter die Leute und wirbt nun mit den neuen Jagdszenen für seine alten.

Da liest man also, es sei „ein durch und durch unsittlicher, die Würde des Menschen in den Dreck ziehender Film“, eine „Sauerei“, „eine Schande für Niederbayern“. Einer beklagt, „daß Niederbayern und seine ehrlichen und anständigen Menschen ... von einem entarteten Zeitgefühl mißbraucht wurden“, ein anderer befürchtet negative Auswirkungen auf die Aktion „Ferien auf dem Bauernhof“. Denn: „So ist das bayerische Landvolk nicht.“ „Hier wohnen anständige fleißige Menschen.“ Einem anderen gar, der sich „ein heimattreuer Niederbayer“ nennt, „entbrennt der heilige Zorn der Niederbayern, die sich gesundes Empfinden bewahrt haben und zu alter Vätersitte stehen“.

In einer „entarteten“ Zeit wollen sie sich sauber und rein halten, die guten Leute – wie in dem Film, den sie angreifen. Sie sind offensichtlich enttäuscht, keine echten Jagd- und Almszenen in einem Film zu finden, der Niederbayern im Titel führt. Aber so flugs ihnen das altbekannte Vokabular vom Reinen und Gesunden, vom Entarteten und Krankhaften von der Hand geht, so sicher sind sie, aus welcher Richtung hier geschossen wird: Der Film, kein Zweifel, ist „ein besonders symptomatisches Beispiel für den von linksintellektuellen Kreisen mit ihrem beherrschenden Einfluß auf die Publikationsmittel systematisch betriebenen Abbau der moralischen Substanz unseres Volkes“. Das ist kein gutes Deutsch, aber sicher gut deutsch. APO und SDS werden bemüht, das „Haßgebrüll des Dieter Gütt im ‚Deutschen’ Fernsehen vom 27. Mai gegen die Heimatvertriebenen“, überhaupt der „Gesinnungsterror“ der „Meinungsmonopolisten in Film, Presse, Rundfunk und Fernsehen, zu denen Sperr und Fleischmann selbst gehören“. Und ein Schreiber bekennt ungeniert, er würde „am liebsten das ganze Kino mit dieser Schweinerei in die Luft fliegen lassen“.