Berlin

Unser Mietstreik wird den Berliner Senat zwingen, auf dem sozialen Sektor Farbe zu bekennen.“ In den Westberliner Studentenwohnheimen können die Streikenden ihrer Prognose vertrauen: Die jüngste Protestaktion gegen das – inzwischen zwei Jahre alte – Wohngeldgesetz kann von den Politikern nicht ignoriert werden; wollen sie nicht stillschweigend dulden, daß die Wohnheim-Studenten durchschnittlich 30 Mark im Monat weniger zahlen (Miete durchschnittlich 80 Mark).

Zuerst schien es, als würden die studentischen Proteste gegen das Wohngeldgesetz – nach dessen ‚Paragraph 26‘ Studenten nicht antragsberechtigt sind – nicht über den Campus hinausgelangen. Die Studenten füllten Antragformulare aus; die Behörden lehnten ab. In etlichen Gesprächen bedauerte die Verwaltung die „sozialen Härten“, aber die Studenten zählen nun einmal bis zum Examen zum Haushalt der Eltern; darauf basiere schließlich auch das Bündel von Ausbildungsförderungsgesetzen, und eine Ausnahme sei prinzipiell nicht möglich...

Man war zwar bereit, den „Härtefällen“ zu helfen, besser: den Studenten, die eindeutig nicht mehr an den elterlichen Herd zurückkehren werden. Verheiratete, DDR-Flüchtlinge und Waisen konnten mit Wohngeld rechnen.

In den Studentenwohnheimen der Westberliner Universitäten entstand nach langen Diskussionen der Plan, die Mieten um den geforderten und nicht bewilligten Zuschuß zu senken: 97 Prozent aller Bewohner der Heime Siegmundshof, Eichkamp und Schlachtensee traten Anfang Juni in den Streik. Die Studenten überwiesen einen Teil der gesparten Miete auf ein Solidaritätskonto, um für politische Aktionen auch finanziell gerüstet zu sein.

In wenigen Wochen breitete sich der Streik auf alle Westberliner Wohnheime aus. Die Studentenwerke der beiden Universitäten, die die Wohnheime verwalten, waren zunächst die Hauptbetroffenen. Ihnen ging ein Teil der knapp kalkulierten Einnahmen verloren. Und so reagierte das Studentenwerk der Freien Universität mit Mahnungen. An Kündigungen dachte man allerdings auch hier nicht: Der bei einer großangelegten Räumungsaktion notwendige Polizeieinsatz würde die Situation nur verschärfen. Mit anderen Worten: Die Studenten dürfen in ihren Buden bleiben.

Die Ziele der Streikenden sind nach den Berliner Anfangserfolgen bundesweit gesteckt worden. Außerhalb Berlins haben sich bereits erste Streikzentren gebildet. Mitglieder der Berliner ad-hoc-Gruppe „Wohngeldkampagne“ konnten nach einer Informationsreise durch westdeutsche Universitätsstädte berichten: In Heidelberg und München werde bereits gestreikt, Hamburger und Freiburger Wohnheime bereiten sich auf den Mietstreik vor.

Roman Roede