Im Banne der Ökonomie – Eine neue Deutung der Kolonialpolitik des Kanzlers

Das Rätselraten über die Motive der Bismarckschen „Kolonialpolitik“ ist gelöst. In seinem Buch

„Bismarck und der Imperialismus“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 582 Seiten, 47,– DM

hat der Kölner Historiker Hans-Ulrich Wehler eine Antwort auf jene Frage gefunden, die die Zeitgenossen bewegte und die Forschung bis heute nicht zur Ruhe kommen ließ: Warum begab sich der erste Kanzler des Deutschen Reiches in den achtziger Jahren auf den Pfad der überseeischen Expansion?

Es gab viele Deutungen: Die Anhänger einer den „Eisernen Kanzler“ zum Übermenschen stilisierenden Bismarck-Orthodoxie unterstellten ihrem Helden, er habe von Beginn seiner politischen Tätigkeit an beabsichtigt, Deutschland nach der Reichseinigung den ihm gebührenden „Platz an der Sonne“ zu verschaffen. Andere, vom „Primat der Außenpolitik“ geleitete Forscher haben Bismarcks Ausgriff nach Asien und Afrika als Funktion seiner kontinentalen Politik verstanden. Wieder andere verwiesen auf innenpolitische Gründe, die den Kanzler aus Furcht vor einem „Kabinett Gladstone“ unter dem englandfreundlichen Thronfolger Friedrich III. dazu bestimmt hätten, durch überseeische Politik „künstliche Reibungsflächen“ mit der damals führenden Weltmacht Großbritannien zu suchen. Die eigentlichen Gründe für diesen Schritt des Kanzlers werden erst jetzt durch Wehlers Untersuchung plausibel.

Vor dem Hintergrund des ökonomischen Trends zwischen 1873 und 1896 – seit Hans Rosenbergs grundlegender Arbeit als „Große Depression“ bekannt – analysiert Wehler Bismarcks „sozialimperialistische“ Politik der „pragmatischen Expansion“, um sodann, das Thema „Bismarck und der Imperialismus“ souverän transzendierend, den Weg zu einer „Theorie des Imperialismus“ der „okzidentalen“ Staaten während der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu bahnen. Was heißt das?

Entgegen der bis in unsere Zeit hineinreichenden Ansicht vom „Nur-Politiker“ Bismarck, der sich für den Bereich der Wirtschaft kaum interessiert und seine Innen- und Außenpolitik unabhängig vom „Reproduktionsprozeß der Gesellschaft“ betrieben habe, gelingt es Wehler deutlich zu machen, daß auch Bismarck im Banne ökonomischer und sozialer Gegebenheiten handelte, ja, diese Abhängigkeit des Politischen von der Wirtschaft auch durchaus begriff. Als daher im Zeichen der über zwei Jahrzehnte andauernden Krise einflußreiche Zweige der deutschen Wirtschaft – ebenso wie die englische, französische und vor allem die amerikanische Konkurrenz in ihren Ländern – nach einer „Therapie“ verlangten, bereitwillig das liberale Modell der Trennung von gesellschaftlicher und staatlicher Sphäre aufopferten und den Staat zur Intervention zwangen, da erkannte Bismarck die systemimmanente Notwendigkeit, die im In- und Ausland als Heilmittel gepriesenen und angewandten Methoden der Schutzpolitik und des Übersee-Expansionismus gleichfalls anzuwenden.