Drei Atomphysiker diskutieren über Positivismus, Metaphysik und Religion

Der Wiederaufbau der internationalen Beziehungen in der Wissenschaft führte die alten Freunde aus der Atomphysik von neuem in Kopenhagen zusammen. Im Frühsommer des Jahres 1952 fand dort eine Tagung statt, auf der über den Bau eines europäischen Großbeschleunigers beraten werden sollte. Ich war an diesen Plänen aufs äußerste interessiert, da ich mir von einem solchen Großbeschleuniger experimentelle Aufschlüsse über die Frage erhoffte, ob wirklich, wie ich annahm, beim energischen Zusammenstoß zweier Elementarteilchen viele solche Teilchen erzeugt werden können und ob es wirklich viele verschiedene Sorten von Elementarteilchen gibt, die sich, ähnlich wie die stationären Zustände eines Atoms oder Moleküls, durch ihre Symmetrieeigenschaften, ihre Masse und ihre Lebensdauer unterscheiden. Obwohl mir also der Gegenstand der Tagung in jeder Weise wichtig war, soll hier doch nicht über ihren Inhalt berichtet werden, sondern über den eines Gesprächs, das ich bei dieser Gelegenheit einmal mit Niels* und Wolfgang** führte. Auch Wolfgang war von Zürich zur Tagung herübergekommen. Wir saßen zu dritt in dem kleinen Wintergarten, der sich an Bohrs Ehrenwohnung nach dem Park zu anschloß und sprachen über das alte Thema, ob die Quantentheorie eigentlich vollständig verstanden und ob die Deutung, die wir ihr hier vor 25 Jahren gegeben hatten, inzwischen allgemein anerkanntes Gedankengut der Physik geworden sei. Niels erzählte:

„Vor einiger Zeit war hier in Kopenhagen eine Philosophentagung, zu der vor allem Anhänger der positivistischen Richtung gekommen waren. Ich habe versucht, vor diesen Philosophen über die Interpretation der Quantentheorie zu sprechen. Es gab nach meinem Vortrag keine Opposition und keine schwierigen Fragen; aber ich muß gestehen, daß eben dies für mich das Schrecklichste war. Denn wenn man nicht zunächst über die Quantentheorie entsetzt ist, kann man sie doch unmöglich verstanden haben. Wahrscheinlich habe ich so schlecht vorgetragen, daß niemand gemerkt hat, wovon die Rede war.“

Wolfgang meinte: „Das muß nicht unbedingt an deinem schlechten Vortrag gelegen haben. Es gehört doch zum Glaubensbekenntnis der Positivisten, daß man die Tatsachen sozusagen unbesehen hinnehmen soll. Soviel ich weiß, stehen bei Wittgenstein etwa die Sätze: ‚Die Welt ist alles, was der Fall ist.‘ ‚Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.‘ Wenn man so anfängt, so wird man auch eine Theorie ohne Zögern hinnehmen, die eben diese Tatsachen darstellt. Die Positivisten haben gelernt, daß die Quantenmechanik die atomaren Phänomene richtig beschreibt; also haben sie keinen Grund, sich gegen sie zu wehren. Was wir dann noch so dazu sagen, wie Komplementarität, Interferenz der Wahrscheinlichkeiten, Unbestimmtheitsrelationen, Schnitt zwischen Subjekt und Objekt und so weiter, gilt den Positivisten als unklares lyrisches Beiwerk, als Rückfall in ein vorwissenschaftliches Denken, als Geschwätz; es braucht jedenfalls, nicht ernst genommen zu werden und ist im günstigsten Fall unschädlich. Vielleicht ist eine solche Auffassung in sich logisch ganz geschlossen. Nur weiß ich dann nicht mehr, was es heißt, die Natur zu verstehen.“

„Die Positivisten würden wohl sagen“, versuchte ich zu ergänzen, „daß Verstehen gleichbedeutend sei mit Vorausrechnen-Können. Wenn man nur ganz spezielle Ereignisse vorausrechnen kann, so hat man nur einen kleinen Ausschnitt verstanden; wenn man viele verschiedene Ereignisse vorausrechnen kann, hat man weitere Bereiche verstanden. Es gibt eine kontinuierliche Skala zwischen ganz wenig verstehen und fast alles verstehen, aber es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen vorausrechnen können und verstehen.“

„Findest du denn, daß es einen solchen Unterschied gibt?“

„Ja, davon bin ich überzeugt“, erwiderte ich, „und ich glaube, wir haben schon einmal vor dreißig Jahren auf der Radtour am Walchensee darüber gesprochen. Vielleicht kann ich das, was ich meine, durch einen Vergleich deutlich machen. Wenn wir ein Flugzeug am Himmel sehen, so können wir mit einem gewissen Grad von Sicherheit vorausrechnen, wo es nach einer Sekunde sein wird. Wir werden zunächst die Bahn einfach in einer geraden Linie fortsetzen; oder, wenn wir schon erkennen, daß das Flugzeug eine Kurve beschreibt, so werden wir auch die Krümmung mit einrechnen. Damit werden wir in den meisten Fällen guten Erfolg haben. Aber wir haben doch die Bahn noch nicht verstanden. Erst wenn wir vorher mit dem Piloten gesprochen und von ihm eine Erklärung über den beabsichtigten Flug erhalten haben, dann haben wir die Bahn wirklich verstanden.“