Von Hellmuth Karasek

Mit den Zähnen hat er’s schon immer gehabt. Wer will und mag, kann bei Grass einen anrührenden Entwicklungsroman aufspüren: von den eingeschlagenen und als Maskottchen benutzten Zähnen im kaschubischen Danzig (Goldmäulchen) bis zu dem Studienrat Starusch, der sich Degudentbrücken über seinen Hackbiß legen läßt. Redensarten, Potenzangstträume bieten sich an: dem habe ich den Zahn gezogen, um die Vierziger verstärkt sich der Alptraum, alle Zähne zu verlieren, der steile Zahn ...

Nun aber läßt Grass seine Sorgen zum Zahnarzt pilgern, ins Rittergestühl. Der in Danzig seine anarchische Jugend sich episch austoben ließ, sieht sich in Berlin umstellt von Fernsehen und Werbung, von technischen Neuerungen und zahnmedizinalem Zuspruch. Das hätte ein umwerfend böses Thema werden können: derjenige, der die „Blechtrommel“ rührte, der die „Hundejahre“ durchlebte, der mit den erwachsenen Erwartungen des Lesers infantil „Katz und Maus“ spielte, erlebt, wie er der heutigen Zivilisation auf den Leim kriechen muß. Mit bösem Kichern bringt er auch die nächste Generation zum Zahnarzt: Revolutionen scheitern durch Korrektur der Bißlage, eine weltweite Krankenfürsorge scheint dauerhafte? notwendig als alle gesellschaftsumstürzenden Bestrebungen.

In der Tat, am aufregendsten ist „Örtlich betäubt“ dort, wo es, meist zwischen den Zeilen, eingesteht, wie sich der „Anarchist“ Grass eingefangen und gezähmt fühlt von zivilisatorischen Alltäglichkeiten. Dann liest sich das Buch wie eine Paraphrase zu der peinlich-traurigen Erfahrung, daß der neue, der spätere Grass sich auch in der Realität seinen Biß korrigieren läßt: Er ruft ein Gericht gegen einen Mann an, den wir nicht mehr namentlich nennen wollen, um sich bescheinigen zu lassen, er sei kein Pornograph. Grass, der Wert legt auf die Feststellung, kein Grass mehr zu sein. Das Schubkarrenkinn mißdeutet als Willensstärke. Dieses ironische Selbstporträt wäre möglich gewesen, wenn die Selbststilisierung Grass nicht immer in die Quere gekommen wäre.

Der Roman „Örtlich betäubt“ vermag darüber nicht mehr anders als kokett Klage zu führen, daß man vom Alltag, vom teuren Zahnarzt, von den Vierzigern eingeholt wurde. Das Buch gibt Pfötchen, anstatt die Zähne zu zeigen. Der Abstand, den es zu sich selbst gewinnt, ist der des Einverständnisses. Ein Berserker zeigt Selbstmitleid, Staatsverantwortung, Kontrolle, Froschkönig erwacht im Bett der Prinzessin. Die Froschperspektive ist dahin; statt dessen: wie bezahle ich meinen Zahnarzt, was mache ich mit einer von albernen Schuldkomplexen gepeinigten Kollegin, wie sorge ich für Schülermitverwaltung?

Grass’ bisher fühllos animalische Epik, seine erschreckend unsentimentale Perspektive haben sich – noch bevor er sich nebst Starusch zum Zahnarzt bequemte – mit der Welt der Normalverbraucher eingerichtet. Grass wirkt auf einmal wie ein abgeklärter Verwandter von Grass, der dem Autor über die Schulter guckt und Verständnisvoll über dessen Dummejungenstreiche hinwegsieht. Aus der kaschubischen Wirklichkeit wird, bezeichnenderweise, ein Verwandtenbesuch in Kaschubien: Ach, was sind die Verwandten da herrlich ursprünglich! Grass, zivilisatorisch an den Zahnarztstuhl gefesselt, vermag Reisen in die eigene Vergangenheit nur noch als touristische sightseeing-Tour zu veranstalten. Wo Danzig auftaucht, ist es ein Programm „Aus der alten Heimat“. Wir grüßen alle Jubilare. Unserer besonderer Gruß gilt der „Blechtrommel“, die in alter Frische ihren fünfundneunzigsten Geburtstag fern der Heimat feiert.

Zwischen „Örtlich betäubt“ und dieser Rezension liegen achtzigtausend Exemplare. Liegen Kritiken zuhauf, die ihrerseits schon einen Band von dem Umfang des Grass-Romans füllen könnten. Da häufen sich Klage und Enttäuschung auf ein Buch, das doch seinerseits klagt und enttäuscht ist. Versucht man, die Klagen zu bündeln, die nach „Örtlich betäubt“ laut wurden, dann ergibt sich der folgende Katalog: