Aus dem Boden gestampft
Cape Coral, Planstadt in Florida Von Alfred Fetscherin
New Worlds for a better tömorrow — „neue Welten für ein besseres Morgen" — das ist der Wahlspruch einer der größten Landerschließungsgesellschaften Floridas. 1958 schickte säe die ersten Bagger in die Einöde zwischen dem Caloosahatchee River und dem Golf von Mexiko an der Westküste, des „Sonnenlandes, um dort eines der gigantischsten Bauprojekte der Gegenwart zu verwirklichen: Die Planstadt Cape Coral. In ihren Taschen trugen die Ingenieure Pläne, auf denen jeder Kanal, jede Straße, jedes Haus bereits eingezeichnet waren. Schon Ende 1958 bezogen die ersten Einwohner ihr neues Heim. Heute, elf Jahre später, zählt die Stadt mehr als 12 000 Menschen.
Vom Flugzeug aus sind deutlich die drei typischen Entwicklungsstufen zu erkennen: Am Caloosahatchee River liegt das jetzige Zentrum der Stadt, dahinter ein bereits erschlossener Grüngürtel, der zum Teil schon bebaut oder doch unmittelbar vor der Bebauung steht. Fließend ist dann der Übergang in einen Landstrich, auf dem die Bagger an der Fortsetzung des Kanal- und Straßensystems und an der Erschließung neuen Wohnraumes arbeiten „More Canal in Venedig — das ist der neueste Werbespruch für die neue Stadt.
Noch weiter draußen liegt die Einöde; aufgeschreckt durch den Motorenlärm erheben sich weiße Reiherschwärnae aus den Büschen. Der europäische Besucher wird unwillkürlich von einer großen Skepsis befallen: Was soll man von den Versprechungen der Bauherren halten, die ankündigen, daß hier schon in wenigen Jahren weitere 10 000 und näher am „Zentrum" sogar 50 000 Menschen leben sollen? Der Optimismus ist unbegrenzt „In spätestens fünf Monaten werden wir ausverkauft sein!" erklärte an Ort und Stelle ein Verkaufsspezialist. Um das nötige Kapital für die Erschließung des Brachlandes zu beschaffen, sind die Erschließungsgesellschaften dazu übergegangen, das ganze Gebiet parzellenweise zu verkaufen, und zwar in unerschlossenem Zustand. Mit der starken jährlichen Bevölkerungszunahme dehnt sich die bisher bebaute Zone immer weiter aus. Immer neue unerschlossene" Bezirke müssen in die Planung einbezogen werden.
Die früher verkauften Grundstücke rücken also immer näher an das Zentrum heran, und das wiederum führt naturgemäß zu einer Wertsteigerung.
Wer vor zehn Jahren den Mut hatte, in Cape Coral zu, investieren, wurde reichlich belohnt: Innerhalb von sieben Jahren erhöhte sich der Wert der ersten Grundstücke fast um das Vierfache. Heute liegt der Wertzuwachs nicht mehr ganz in dieser Höhe. Fachleute rechnen aber immerhin mit einer Verdoppelung innerhalb von fünf bis sechs Jahren.
Der Kaufpreis für ein unerschlossenes Grundstück mit einer Fläche von 920 Quadratmetern schwankt zwischen 10 000 und 30 000 Mark, je nachdem, ob es eine eigene Wasserfront oder nur Wassersicht besitzt. Wie alles in Amerika, so wird auch der Boden nicht etwa bar bezahlt, sondern, genau wie eine Waschmaschine oder ein Auto, auf Raten erworben. Bei Vertragsabschluß muß lediglich eine Anzahlung von zehn Prozent des Kaufpreises geleistet werden. Die Restschuld verteilt sich auf monatliche Raten in Höhe von zwei Prozent für Wasserfrontgrundstücke und 1 5 Prozent für solche, die nur Wassersicht haben. Die Restschuld muß außerdem jährlich mit sechs Prozent verzinst werden, da sie ja dem Kunden von der Verkaufsgesellschaft gewissermaßen vorgestreckt wird.
Wer sein Geld in Florida anlegen will, muß sich darüber klar sein, daß es sich um eine langfristige Investition handelt. Bei Vertragsabschluß erhält der Käufer die schriftliche Garantie, daß sein Grundstück in spätestens sieben Jahren erschlossen, das heißt baureif, sein wird. Diese Garantie wird gewährleistet durch eine beträchtliche Kaution, welche die Landerschließungsgesellschaft beim Staat für jedes verkaufte Grundstück zu hinterlegen hat.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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