Auto mit Amore
Die Liebe, zum Auto wird mit nationalen Unterschieden verschenkt. In Italien liebt man „das" und nicht nur „sein" Auto; man setzt sich dafür ein: um des Autos willen.
Einmal geschah es auf Sizilien. An einem Sonnabendnachmittag gegen sechs. Im Anblick des schwelenden 3000 Meter hohen Ätna. Wer repariert zu solcher Stünde ein ausgeleiertes Bremsseil? Die erste beste Werkstatt auf schwarzem Lavahügel in Catania. In einer halben Stunde. Für zehn Mark.
Ein andermal traf es sich an einem Pfingstsonnabendnachmittag, daß der Vergaser nicht mehr wollte. Der an der Adria etablierte Monteur zeigte sein pfingstlichstes Lächeln und bemächtigte sich — singend — der Vergaser Einzelteile wie eines Puzzlespiels. Rechnungsbetrag acht Mark.
In Manfredonia, am Fuße des kakteenbestandenen Garganogebirges am sogenannten „Sporn" Italiens, schufen wir einem WerkstattTeam reines Vergnügen damit, daß unser Autoveteran schon 160 000 Kilometer hinter sich hatte. Den fälligen Ölwechsel besorgten die Männer nur nebenbei; zur Hauptsache steckten sie ihre Köpfe unter die Motorhaube und begeisterten sich. Eine geradezu autokünstlerische Tat lieferte ein Auto Mann in diesem Sommer am Golf von Salerno. Seine Spelunke hätte hierzulande niemand als Werkstatt bezeichnet. Er versprach, innerhalb von zehn Stunden für genau 34 Mark einen schon von daheim mitgebrachten Blechschaden zu beseitigen. Unsere attraktive heimische Werkstätte hatte 450 Mark dafür haben wollen: wir paßten. Und nun für 34 Mark? Wer glaubt schon an solche Automärchen? Und doch stand der Wagen pünktlich nach zehn Stunden vor unserem Hotel. Für keinen Pfennig mehr als für 34 Mark. Einschließlieh Lackarbeit.
Der italienische Meister ließ sich wie ein Artist bewundern. Seine Gesten erinnerten uns an einen Werkstätten Mann in Reggio Calabria (wo Odysseus einst die Meeresstrudel von Scylla und Charybdis durchfurcht hatte). Keine funktionierende Werkstätte für einen Spezialfederbruch hatten wir dort erhofft; die Reisebücher wiesen auch keine aus. Die Riperazione war in der Tat eben erst eröffnet. Der Monteur freute sich, wenn möglich, mehr noch als wir, daß der Wagen wieder flottzukriegen war. Strahlend, mit erhobenen Armen das verpackte Ersatzteil tragend, schritt er uns entgegen: Ahles originall.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





