Manfred Bieler: Brief an einen Prager Freund

In diesen Tagen werden Sie fünfzig Jahre alt. Wohnte ich noch in Prag, so brächte ich Ihnen ein paar Blumen, und wir würden ein bißchen feiern, ohne Feierlichkeit.

Die Blumen bestellte ich nun aber bei der Münchener Fleurop, denn ich werde an Ihrem Geburtstage nicht in Prag sein, obwohl Sie mir der Nächste sind, obwohl ich, um eine Stunde mit Ihnen zu sprechen, gern eine Tagesreise auf mich nähme. Dabei ist es von hier nach Prag gar nicht so weit — trotzdem: ich werde nicht kommen, und ich muß Ihnen erklären, warum nicht.

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Als ich im August 1968 die Tschechoslowakei verließ, drei Tage nach der Besetzung des Landes durch sowjetische, ostdeutsche, polnische, ungarische und bulgarische Truppen, fuhr ich, ein deutscher Schriftsteller mit tschechoslowakischem Paß, nach Deutschland, ohne Illusionen, mit bescheidenen Hoffnungen. Nicht der 21. August war für mich der schwarze Tag gewesen. In meiner Erinnerung steht der Unstern vielmehr deutlich über jenem Tag von Bratislava, an dem die Führer der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, statt ein paar Millionen Gewehre zu verteilen, ihren Paktgenossen neue Zusagen machten, von denen sie hofften, daß das Volk ihre Einhaltung nicht gänzlich verhindern würde. An diesem Tage, drei Wochen vor demEinmarsch der Sowjets, wußte, ich, daß meine drei Koffer, ein Jähr zuvor in Ostberlin nach Prag adressiert, wiederum gepackt werden müßten.

„Nach dem Krieg", sagt ein tschechisches Sprichwort, „ist jeder Soldat General Auch ich gerate in den Verdacht, solch ein General zu sein, denn jeder Unteroffizier zwischen Elbe und Mississippi beantwortet heute die Frage nach der militärischen Chance der Tschechoslowaken gegen die Rote Armee mit einem eindeutigen Nein. Auch ein Oberst im Generalstab, den ich am Morgen des 21. August aus dem Böhmerwald ins besetzte Prag zu seiner Dienststelle chauffierte, gab mir auf Anhieb die fachmännische Erklärung, daß jeder Widerstand sinnlos sei. Die wirkliche Frage, die für die Zukunft der Tschechoslowakei und Europas wichtige Frage, lautet ja auch ganz anders, nämlich: Hätte die Sowjetunion samt ihren volksdemokratischen Verbündeten die Tschechoslowakei überfallen, wenn die Regierung der CSSR am 3. August die Mobilisierung angeordnet hätte? Wenn das Volk, nicht im Stich gelassen von seiner politischen Führung und nicht verwirrt von seinen intellektuellen Ratgebern, die acht Tage vor der Okkupation eine Unterschriften Kampagne für die Auflösung der Volksmiliz begannen, m seiner Gesamtheit bewaffnet worden wäre? Die jugoslawischen Partisanen teilten der Öffentlichkeit — nach der Besetzung der CSSR — mit, daß sie sich im Falle eines sowjetischen Angriffs nicht wie im Zweiten Weltkrieg in die Berge zurückziehen wollten, sondern a uch die Städte zu verteidigen gedächten. In Belgrad, Ljubljana und Zagreb wurden Verteidigungstrupps zusammengestellt, deren Ausbildung nach der sowjetischen Devise bei Stalingrad erfolgte: „Kampf um jedes Haus!" Ich bewundere diese Haltung, und ich erwarte sie von allen, die über ihre gesellschaftliche Organisationsform frei entscheide wollen. Ich bin kein Anhänger der Gewaltlosigkeit, so wenig wie ich ein Anhänger der Gewalt bin. Ich finde es aber beispielsweise richtig, daß sich die Griechen, ein kleines Volk, mit den Persern bei Salamis nicht verständigten. Ich glaube auch, daß wir unsere Milch heute aus den Eutern glücklicher mongolischer Kühe tränken, wenn unsere Vorväter mit der goldenen Horde einen Truppenstationierungsvertrag abgeschlossen hätten. Kein Beinbruch. Gewiß nicht. Selbst das Nachdenken wäre insofern erleichtert, als es nichts mehr gäbe, worüber sich nachdenken ließe, denn zwischen uns und den Kühen, Pferden und Hunden wäre der Unterschied nicht mehr gewaltig genug, daß er nach Gedanken drängte. Wir vergäßen wohl vor Glück, was wir sagen wollten.

Ich bin auch der Überzeugung, daß die Völker der Sowjetunion die deutschen Eindringlinge in ihrem 1 Großen Vaterländischen Krieg mit Recht vernichteten, daß sich die Engländer, Franzosen und Amerikaner mit der Demütigung rechtens nicht abfanden, sondern sich zur Wehr setzten und das Hitler Reich zerschlugen.

Was wäre aus uns geworden, wenn diese Völker allesamt Anhänger der Gewaltlosigkeit gewesen wären? Sie, mein Lieber, wären wahrscheinlich immer noch in Sachsen dienstverpflichtet, und ich stünde vielleicht als Ihr SS Bewacher (Freizeit: Cembalo) mit einer Hundepeitsche hinter Ihnen; der Herr Bundeskanzler wäre möglicherweise zum Intendanten des Großdeutschen Rundfunks avanciert; der Herr Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik wäre im Verfolg seines Widerstandskampfes gegen den Faschismus mittlerweile zum Stabsfeldwebel befördert worden; der Herr Bundeswirtschaftsminister leitete eventuell das Erbhofreferat für die Ukraine, und Herr Cohn Bendit, um auch ihn nicht zu vergessen, schwebte, seines jüdischen Ursprungs wegen, vermutlich als Wolke über uns.

Wir wollen jenen Völkern danken, die sich mit Gewalt gegen die Gewalt gewehrt haben, auch wenn wir nicht mit dem zufrieden sind, was aus uns und den anderen geworden ist.

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