Eine Reizbarkeit ohne Beispiel

Der zweite Band der unsinnig zerstückelten Briefe von Marcel Proust / Von Rudolf Härtung

Vor fünf Jahren brachte derSuhrkampVerlag eine Auswahl aus der umfangreichen Korrespondenz Marcel Prousts unter dem Titel „Briefe zum Werk" heraus, die von insgesamt etwa 2000 in Frankreich veröffentlichten Briefen ungefähr ein Zehntel enthielt. Als Herausgeber zeichnete Walter Boehlich; er wollte, wie der Titel anzeigte, vor allem den Schriftsteller Proust sichtbar machen und nicht den Menschen, von dem er in seinem Nachwort mit schlecht verhehlter Abneigung sprach. Gemessen an der „Recherche", heißt es in seinem Nachwort, sei die Korrespondenz Prousts „in der Regel beiläufig, wo nicht wertlos, oft sogar abstoßend". Ein so hartes Urteil könnte sich bis zu einem gewissen Grad auf Proust selber berufen, der scharf unterschied zwischen der kommunikativen Aussage und dem sich der Einsamkeit verdankenden Werk, so wenn er etwa in einem Brief aus dem Jahre 1922 schrieb: „Zwischen dem, was , jemand sagt, und dem, was er durch Selbstbesinnung aus den Tiefen zutage fördert, wo der unberührte, von Schleiern umhüllte Geist ruht, liegt eine Welt " In anderer Hinsicht wäre freilich dem Urteil Boehlichs gerade auch mit Proust selber zu widersprechen. Daß das scheinbar Nichtige seinen Reichtum enthüllen und uns unersetzbare Einsichten vermitteln kann, gehört zu den Grundwahrheiten seines Werks. Wäre die Unterscheidung zwischen Niedrigem und Hohem für ihn noch verbindlich gewesen, hätte er, wie Baudelaire im Hinblick auf Paris, sagen können, er habe, in einer seltsamen Alchimie, den Schmutz in Gold verwandelt.

Im übrigen galt seine Liebe, was künstlerische und literarische Hervorbringungen betrifft, nicht nur dem Vollendeten. Wenn er reich wäre, heißt es in einem Brief an Madame Catusse, würde er keine Meisterwerke kaufen, „sondern solche Bilder, die den Geruch einer Stadt oder die Feuchtigkeit einer Kirche bewahren und gleich Nippsachen ebensoviel Traum durch Ideenassoziation wie in sich selbst enthalten".

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Denkbar wären also Leser dieser an sich" oft wenig belangvollen Briefe, die kraft einer kongenialen Kunst der Entzifferung in ihnen Aroma und Traum eines Wesens aufspüren, dem wir das Wunderwerk jenes Romans verdanken; denkbar auch Leser, denen in diesen Briefen der Mensch Marcel Proust auf eine authentischere Weise gegenwärtig wird als bei der Lektüre der zweibändigen Proust Biographie von George D. Painter, die uns so vieles versprach und am Ende enttäuschte.

Mißliche Konsequenzen hatte Boehlichs schroffe Trennung von Werk und Person in editorischer Hinsicht. Schon der Band „Briefe zum Werk" enthielt viele Briefe, die sich, glücklicherweise, nicht nur mit dem Werk befaßten: Briefe an die Mutter, in denen soviel von Marcels Krankheit die Rede ist, Briefe nach dem Tod der Mutter, in denen sein Schmerz sich spiegelt, Briefe über die Dreyfus Affäre, Freundesbriefe. All diese persönliche oder allgemeine Themen behandelnden Episteln fehlen nun in dem zweiten Band, obwohl sie dort zu erwarten wären — Marcel Proust: „Briefe zum Leben", herausgegeben und aus dem Französischen übertragen von Uwe Daube; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 736 S, 3 4 —DM.

Auch finden sich in diesen Briefen zum Leben" — übrigens ein recht problematischer Titel; — viele Aussagen, die sich aufdas Werk, sein Erscheinen und seine Kritik beziehen — Briefe also, die in den ersten Band gehörten. Kommt noch hinzu, daß notwendigerweise sehr viele Briefe in den beiden Bänden an die gleichen Adressaten gerichtet sind, was die Korrespondenz ganz unnötig zerreißt. Das kurioseste Resultat dieser absurden Trennung von Briefen zum Werk und Leben ist im zweiten Band der Brief an Vaudoyer, der in der Mitte abbricht und wo eine Fußnote den Leser darauf hinweist, daß er die Fortsetzung dieses Briefes im ersten Band findet: eine Zweiteilung, die an den Türken der bekannten Ballade erinnert.

So wiederholt sich, auf andere Weise, das Mißgeschick der unzulänglich edierten französischen Korrespondenz. Im Grunde müßte man die beiden deutschen Briefbände wieder aufreißen und die vorgelegte Auswahl aus der Korrespondenz chronologisch ordnen. Wozu der Verlag sich wohl schwerlich verstehen dürfte.

Überschaubar dokumentiert wird übrigens auch in diesem zweiten Band das Leben Prousts nicht; man könnte an Hand dieser Briefe den Lebenslauf kaum rekonstruieren. Was allerdings nicht zu Lasten der Edition geht, sondern in den Briefen selber begründet ist. Es gibt keinen Brief Prousts, in dem dieser etwa einem Freund nach längerer Schreibpause von seinem vergangenen und gegenwärtigen Leben berichtete, von seinen Reisen, literarischen Plänen, seinen Krankheiten. Was die Briefe Prousts im positiven und im negativen Sinne auszeichnet, ist ihr ekstatisches, manchmal möchte man fast sagen: ihr hysterisches Verhältnis zur Gegenwart. Dieser Briefschreiber ist fast immer mit dem Nahen und Nächsten beschäftigt: mit der Freude oder dem Kummer des Adressaten, mit zu treffenden Verabredungen und den immensen Schwierigkeiten solcher Verabredungen, mit Ratschlägen oder den Bitten um Rat, mit Fragen der literarischen Strategie, mit Gesellschaftsklatsch, mit seinen Asthmaanfällen, die ihn monatelang ans Zimmer fesseln, mit Wohnungssorgen oder seinen finanziellen Spekulationen, mit dem Krieg und dem falschen Patriotismus in den Zeitungen, der ihn anwiderte.

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