Am 7. Oktober wird die Deutsche Demokratische Republik 20 Jahre alt Es gibt keine Zone mehr

Informationen und gezielte Desinformationen über einen deutschen Staat Von Joachim Nawrocki

Über die Deutsche Demokratische Republik ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Die Ausbeute aus der Literatur ist dennoch meist nicht sonderlich befriedigend. Da gib: es die Wissenschaftler, die meist zu trocken und ohne eigene Anschauung schreiben; ihre Bücher sind für den Fachmann interessant, für jeden anderen kaum lesbar. Da gibt es die westdeutschen Journalisten, die mit dem Ergebnis ihrer Arbeiten nicht zufrieden sein können, weil ihnen die Möglichkeit verweigert wird, frei und ungehindert in dem anderen Deutschland zu reiten; sie kennen zwar einige Städte, vor allem Leipzig und Ost Berlin, aber ihre Eindrücke bleiben punktuell, subjektiv. Und da sind als dritte Gruppe die Ausländer, denen bessere Reisemöglichkeiten geboten werden, die sich aber meist mit ihrem Sojet nur ungenügend beschäftigt haben, so daß selbst bei bester Beobachtungsgabe falsche Schlußfo gerungen und Fehlinterpretationen, oft auch reichlich naive Bekenntnisse anscheinend kaum vermeidbar sind.

Zum 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik dürfen auch neue Bücher nicht fehlen. Ein wohl einmaliges Produkt sei an erster Stelle genannt. In der falschen Annahme, daß Bücher über jene Republik „zu einem lohnenden Geschäft geworden" sind, machte sich ein Himburger Linkssozialist ans Werk: Schon der Titel ist irreführend, weil der Eindruck entsteht, Plat habe bei seinen Interviews mit „den Deutschen" drüben gesprochen; in Wahrheit sind alle seine Gesprächspartner offenkundig Anhänger der vorherrschenden politischen Konzeption. Plat hat nicht versucht, mit einem Bewohner zu sprechen, der diesem Staat skeptisch gegenübersteht; und daß es davon genügend gibt, weiß jeder, der dorthin fährt. So wirken die Gespräche wie Artikel aus der Parteizeitung „Neues Deutschland", zumal Plat auf kritische Fragen völlig verzichtet. Mit Gewinn kann dieses Buch nur lesen, wer sich seine Skepsis bewalirt, aber selten oder nie die Gelegenheit hat, die Presse der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Zu studieren.

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Das Interessanteste an diesem Buch ist dessen letzter Teil: ein Briefwechsel zwischen dem Cheflektor des Rowohlt Verlages, Raddatz, und dem Autor Plat. Raddatz äußert sich unverhohlen enttäuscht über Plats Manuskript: Er vermisse „ein Minimum an kritischer Distanz" und „einen immerhin denkbaren Widerspruch". Zu Recht vermerkt Raddatz, es sei ein „zu nuancenloies, freundlich lächelndes Konterfei entstanden" uid führt Beispiele an, woran man hätte Ansioß nehmen müssen, etwa die „dirigistischen Pnktiken" der Zensur in der DDR. Die Antwsrt von Plat ist bezeichnend: Er sei Deutscher und Sozialist, schreibt er, also gebe es für ihn keine Distanz zu seinem Thema. Negative Eindrüdse habe er wohl gehabt, aber er habe „natürlich" davon nichts geschrieben, weil er keine „Ostzonenstorys" liefern und von den „antikommunistischen Massenmedien" nicht manipuliert werden wollte.

Zu dem Einwand Raddatz, daß in der Deutschen Demokratischen Republik eine Auseinandersetzung mit Sik, Selucky, Habermas und Havemann nicht möglich sei, meint Plat nonchalant, die Wissenschaftler müßten sich ja nicht mit allem auseinandersetzen, was über den Marxismus geschrieben werde! Und da sich Herr Raddatz von niemandem vorschreiben lasse, was er veröffentlichen wolle, solle er den „Kollegen von den Verlagen der DDR dasselbe Entscheidungsrecht lassen". Am Falle des letzten Buches von Christa Wolf erweist sich, wie Plat den gestellten Fragen ausweicht. Heinz Sachs, Leiter des Mitteldeutschen Verlages, wollte „Nachdenken über Christa T veröffentlichen, er hat es sogar gedruckt. Aber dann durfte er nur wenige Exemplare vertreiben und mußte Selbstkritik üben. Plat verschweigt, daß es nicht die Verlage sind, <üe bestimmen, was der Bürger lesen darf. Mehr Beispiele ließen sich anführen, die zeigen, daß der Fernsehautor Plat genau das tut, was er dem Fernsehen und anderen „Massenmedien" vorwirft: er manipuliert. Daß Plat für den Rundfunk der Deutschen Demokratischen Republik arbeitet, wird übrigens auch dezent verschwiegen. Dies Buch schlecht zu nennen, wäre ein oberflächliches Urteil. Es ist ein bewußter Täuschungsversuch, der durch das Nachwort von Raddatz ein wenig relativiert worden ist. Da schreiben Autoren, die weder Deutsche noch Sozialisten sind, denn doch bessere Bücher: sie werden den Verhältnissen gerechter als Pkt. Dazu gehört auch das gewiß nicht unproblematische Buch von Der amerikanische Professor Smith, der sich mehrere Monate in der Republik umsehen durfte, gewann einen im ganzen positiven Eindruck; die Mühe, die sich die Gastgeber mit dem Amerikaner gegeben haben, hat sich für diese Reise gelohnt. Smith Urteile über die Wirtschaftspolitik, die Landwirtschaft, das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sind in vieler Hinsicht zu oberflächlich, auch ein wenig naiv. Aber Smith hat sich nicht völlig einwickeln lassen; im Unterschied zu Plat hält er es nicht für nötig, negative Eindrücke zu verschweigen. So unterdrückt er ebensowenig die Tatsache, daß man ihn weder mit Biermann noch mit Havemann sprechen ließ, noch sein Urteil über die geistige Enge, in der die Bewohner jenseits der Mauer leben müssen, noch sein Unbehagen über die einseitige Berichterstattung in Presse und Rundfunk.

Was das. Buch von Smith lesenswert macht, das sind die Beobachtungen aus dem Alltag, bezeichnende Anekdoten und die plastische Schilderung der Menschen, denen er begegnet ist. Aber die vielen Mißverständnisse werden dadurch leider nicht aufgewogen Über die letzten Volkskammerwahlen schreibt Smith, die 99 93 Prozent Ja Stimmen bedeuteten nicht, daß bei Wahlmöglichkeiten die Nationale Front mit solcher Einmütigkeit bestätigt worden wäre. Aber die Wähler seien auch nicht zur Stimmabgabe für ein Regime gezwungen worden, das sie ablehnen. Angesichts der eingeschränkten Wahlmöglichkeiten hätten sie es einfach vorgezogen, „bei dem zu bleiben, was sie haben, anstatt das System völlig zu verwerfen".

Zu einem anderen, differenzierteren Urteil kommt Ober die Wahlen schreibt er zum Beispiel, ein Antikommunist und ein Nichtkommunist hätten ihm aus Erfahrung versichert, daß die einheitlichen Wahlergebnisse nicht durch Verfälschungen Zustandekommen „Die Ergebnisse kommen zustande durch ein Maximum an Organisation, Flexibilität, Propaganda, gesellschaftlichem Druck und natürlich durch die Unmöglichkeit offener Opposition . Warum soll man Risiken eingehen, wie klein sie auch sein mögen, wenn es doch keine Chance gibt, etwas zu ändern?" Das ist dann doch eine realistischere Darstellung der Verhältnisse, als sie etwa Smith oder gar Plat geben.

Das Buch von Childs ist saubere, sorgfältige Arbeit, ohne Emotion, ohne Illusion. Childs weiß die Vorzüge des Schul- und Hochschulwesens ebenso zu würdigen wie die Gleichberechtigung der Frau. Er zeichnet die Lebensläufe der wichtigsten kommunistischen Führer nach, erkennt an, daß sie ihren Ideen über Jahrzehnte treu geblieben sind und meint, daß ihr meist schweres persönliches Schicksal bei der Beurteilung ihrer Tätigkeit nach dem Kriege nicht außer acht gelassen werden dürfe. Aber er registriert auch die Machtzusammenballung in der Spitze der Sozialistischen Einheitspartei, die praktische Bedeutungslosigkeit der anderen Parteien, die Unmöglichkeit, auf irgendeine Weise der offiziellen Politik zu widersprechen. Das Fazit von Childs: Die Deutsche Demokratische Republik „könnte sehr schnell in gleicher Weise politisch lebensfähig werden wie sie wirtschaftlich lebensfähig wird".

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