Im Töten der Größte
Nachruf auf Django Von Wolf Donner
Die Erfolgswelle des Italo Western in unseren Kinos bäh unvermindert an. Zunehmend setzen sich die Tageszeitungen mit der Gattung auseinander; Materialsammlungen und Titelregister werden angelegt, Pseudonyme entschlüsselt: Das Genre ist aktenkundig geworden. Eine Dokumentation über den Italo Western, die für die Jahrestagung der deutschen Filmklubs in Bad Ems zusammengestellt wurde, ist in erweiterter Fassung im Jahresheft „film 1969" im Friedrich Verlag, Hannover, erschienen. äs Genre des Italo Western gibt es seit | etwa sechs Jahren und hat es inzwischen auf rund dreihundert Titel gebracht. Es kam auf, als die antiken Monumentalschinken kein Publikum mehr fanden und die italienische Filmindustrie den plötzlichen Erfolg deutscher Karl May Verfihmtngen zu kontern versuchte.
Der Vater (Sergio Leone) und der Großvater (Sergio Corbucci) des Italo Western und die meisten ihrer Nachfolger sowie ihrer Darsteller hatten vorher ausgiebig den Breitwand Schlachtplatten von Pompeji und dem alten Rom, Karthago, Theben, Rhodos und Gomorrha gehuldigt, hatten international absetzbare Reißer produziert und daneben die japanischen SarnurairAbenteuer studiert. Der Einfluß dieser drei „Vorgänger" auf die neue Gattung ist unverkennbar: Der antike Superheld, der Seriencharakter konventioneller Kinostücke und die grausigen Metzeleien altjapanischer Ritter — Django verkraftet all das und potenziert es zum erfolgreichsten Filmgenre der letzten Jahre.
Der Boom begann 1964 mit Leones „Für eine Handvoll Dollar" und setzte sich 1965 international durch mit Duccio Tessaris „Ringo kehrt zurück" und Leones „Für ein paar Dollar mehr". Corbuccis „Django" von 1966 führte der ItaloWestern Gemeinde endgültig auch jene Clique von Ästheten und Cineasten zu, die alle Motive und Stereotypen kennen, jede Variation genießen und ihre Hersteller enthusiastisch feiern. Am bekanntesten sind, neben den schon genannten: Alfonso Balcazar, Damiano Damiani, Franco Giraldi, Enzo und Marino Girolamini, Carlo Lizzani, Rafael Marchent, Eugenio Martin, Giulio Petroni, Sergio Sollima, Florestano Väncini.
Der Typ ist eine reine Action Ygur, bei der nur interessiert, was er im Film tut und wie er es tut; seine Geschichte, seine Herkunft, seine Motive sind unwesentlich. Einer aus der Kategorie „Der geheimnisvolle Fremde" oder „Der große Einsame", der eineinhalb Stunden lang die Leinwand beherrscht, alle besiegt und immer überlebt, damit es morgen weitergehen kann. Eine Figur von düsterem, mythischem Reiz, nicht ohne erotische Faszination, ein Kinoheld par excellence, auf Serie angelegt.
Verschlossen, finster, wortkarg bis zur klinischen Stummheit. Meist schwarz gekleidet, Stoppelbart, den breitkrempigen schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen. Aufreizend lässige, träge Bewegungen. Ein Mann, den sein Job geprägt hat: zu töten. Darin ist er der Größte, Schnellste, Sicherste. Django zieht immer zuletzt und legt doch alle um.
Er kann auch Ringo heißen, Rocco, Rojo, Bastardo, Gringo, Sartana. Er braucht nur langsam durch ein gottverlassenes sizilianisches Dorf zu reiten oder auf unnachahmliche Weise eine Kneipe zu betreten und einen Whisky verlangen, sofort wird sein branchenversiertes Publikum assoziieren: „Ah, Italo Western, Django, der Spezi. Es kann wieder losgehen ", Djangos trockenen, sarkastischen Humor signalisieren die berühmten blitzenden Augen unter der schwarzen Hutkrempe ebenso wie die BibelSprüche, die er jedem Erschossenen nachliefert, das MG, das er aus einem mitgeschleppten Sarg hervorkramt, die Nonchalance, mit der er hintereinander mit allen gegen alle paktiert, um seinem unverschämten Geschäftssinn bei der Jagd nach Gold zu frönen.
Der echte Django hat keine Gefühle und kein Gewissen, ein Abziehbild jenseits aller Legalität. Natürlich gibt es Variationen: den mürrischen Finsterling, den Leidenden, Geprügelten, den guten, gerechten oder den besessenen, vom Haß getriebenen Rächer, den strahlenden Sonnyboy. Aber immer steht er im Mittelpunkt; die anderen Figuren, die Landschaft, die Handlung bleiben im Hintergrund. Italo Western sind Filme über einen Revolverhelden.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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