In Prag stürzten die Idole

Mit der Trennung von den Reformern will Husak Moskaus Wohlwollen erkaufen / Von Hansjakob Stehle

Was am Namenstag des heiligen Wenzel, des Nationalpatrons der Tschechen, in Prag bekanntgegeben wurde, hätte noch vor Monaten das Volk auf die Straßen getrieben und Explosionen von Unmut und Bitterkeit heraufbeschworen: der Sturz der beliebtesten Reformpolitiker, Alexander Dubceks und Josef Smrkovskys, von ihren letzten politischen Machtpositionen, der erzwungene Rücktritt vieler anderer geschätzter Männer des Jahres 1968. Jetzt wurde diese alles hingenommen wie ein unausweichliches Fatum. Die Tschechoslowakei bewahrte jene „Ruhe und Klugheit", die Parteichef Husak vor dem Zentralkomitee als „volle Unterstützung" der Parteiund Staatsführung interpretierte.

So bescheiden ist man in der Prager KP Spitze geworden, so fatal ist trotz äußerlicher Wiederherstellung der Führungsrolle der Partei (im sowjetischen Sinne) ihre innere Lage geblieben. Eingekeilt zwischen dem Mißtrauen Moskaus und dem des eigenen Volkes, hat Husak seit April den einzigen Ausweg zu gehen versucht, der außer dem nationalen Selbstmord geblieben war: Durch radikale Disziplinierung des Landes wollte er das Vertrauen der sowjetischen Großmacht so weit zurückgewinnen, daß der Kreml seinen Druck lockern und dem neuen Ansatz einer vorsichtigen Reformpolitik zustimmen würde. Husaks Kurs „der harten Hand" wurde jedoch von Moskau nicht besonders honoriert. Vielmehr diente er zunächst all jenen sturen Dogmatikern als willkommener Vorwand, die nun glaubten, der Rückweg zur Macht stehe ihnen offen. Zu Hilfe kam ihnen nicht nur die Wirklichkeitsblindheit der sowjetischen CSSR Experten, sondern auch der Entschluß Husaks, sich den Belastungen des 21. August durch eine Art „Bewältigung der Vergangenheit" zu entledigen. Der Parteichef gab grünes Licht für archivalische Enthüllungen, aus denen sich deutlich ergab, was ohnehin längst kein Geheimnis war: daß nämlich Dubcek und seine Getreuen schweren politischen Fehlurteilen erlegen waren, daß sie (im Grunde wohl aus blinder Liebe zur Sowjetunion) eine Intervention für unmöglich gehalten, deshalb massive Moskauer Warnungen in den Wind geschlagen, ja die Sowjetunion wiederholt brüskiert hatten. Konnte man ihnen aber deshalb, wie es geschah, die „Schuld" an jener Intervention aufhalsen, von der es selbst in der jüngsten Prager ZK Resolution nur heißt, sie sei von Sorge um den Sozialismus „motiviert" gewesen? Die Folge aller Enthüllungen war in den letzten Wochen eine beispiellose Kampagne gegen Dubcek und seine Anhänger — eine Hexenjagd , die Schlimmstes, sogar neue Prozesse befürchten ließ. Mit sektiererischem Eifer stürzten sich jetzt Neu- und Altstalihisten auf ihre Widersacher, um Rache zu nehmen. Wie weit sie das Rad — sogar weit vor den Januar 1968 — zurückzudrehen hofften, zeigte die Äußerung des Vorsitzenden der tschechischen Parteikontrollkommission, der rundweg behauptete, bei Überprüfung der Rehabilitierungsanträge politischer Häftlinge der fünfziger und sechziger Jahre habe man „nur in einer unbedeutenden Zahl von Fällen festgestellt, daß die Beschuldigung erfunden war und die Strafe nicht hätte verhängt werden sollen". Die Gefahr lag nahe, daß Husak, einst seihst Opfer stalinistischer Justiz, von diesen so rüstig wiedererstandenen Kräften bald überrollt werden würde.

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Diese Entwicklung konnte Husak nur dadurch abbremsen, daß er — so drückt man es in seiner Umgebung aus — „Ballast abwarf" und sich damit endlich ein größeres Kapital sowjetischen Vertrauens sicherte „Ballast abwerfen" — das hieß Trennung von jener prominenten Reformergruppe, die Moskau der größte Dorr: im Auge geblieben war. Trennung aber nicht durch inquisitorische Urteile, die nur neue Unruhe stiften würden, sondern auf eine Weise, die zugleich jene Dogmatiker, die ihre Stunde gekommen glaubten, in die Schranken wies. Wie sehr Husak bei diesem Versuch sowjetische Unterstützung zuwuchs, zeigte sich schon, als die intimsten Freunde Moskaus in seiner Umgebung für Maßhalten zu plädieren begannen. Am 17. September warnte der konservative „Tribuna" Chefredakteur Svestka vor „Sektierertum, das diesmal von links kommt und oft den Charakter einfacher persönlicher Revanche annimmt". Und ZK Sekretär Indra stellte sich an die Spitze der Dubcek Kritiker mit dem Bekenntnis: „Der Januar war logisch notwendig und er kam eher zu spät als zu früh . Es wäre zu einfach, Alexander Dubcek zum alleinigen Sündenbock zu machen " Wer dann Husaks ZK Rede vom 25. September hörte, konnte gleichwohl diesen Eindruck erhalten, weil kein anderer Name so oft genannt wurde und viele andere Namen (wie etwa der des längst eingeschwenkten Ministerpräsidenten Cernik) ungenannt blieben. Obschon Dubcek jede Selbstkritik verweigerte (mit Argumenten, die Husak der Öffentlichkeit wohlweislich verbirgt), sorgte der Parteichef für einen „weichen" Sturz seines Vorgängers: Dubcek bleibt wenigstens im Zentralkomitee. Während Husak stundenlang in allen Tonarten auf die „Rechtsopportunisten" einhämmerte, um damit auch der extremen Linken, die er als „alte Sektierer" angriff, den Boden zu entziehen, schien er nicht zu bemerken, wie er sein eigenes politisches Gedankengebäude auf ein einziges, freilich schwer anfechtbares Fundament stellte: die Opportunität. Das schließt bei Husak Festigkeit im Grundsätzlichen freilich nicht aus: „Das grundlegende Konzept der Nach Januar Politik bleibt auch heute der Ausgangspunkt. Wir betrachten daher alle zeitweiligen Maßnahmen, die zur Wiederherstellung der Ordnung, zur Stärkung der Staatsgevv alt, zum Abstoppen des wirtschaftlichen Zerfalls und vor allem zur Wiederherstellung der Einheit und Aktionsfähigkeit der Partei unerläßlich sind, als unvermeidliche Vorbedingung dafür, daß wir in der Zukunft imstande sein werden, jene positiven Aufgaben durchzuführen, die nach dem Januar 1968 nicht gelöst werden konnten und deren Lösung im Interesse der weiteren Entwicklung unseres Staates historisch unausDeshalb hat Husak nicht nur an seinem Innenminister Pelnar festgehalten, er hat auch verhindert, daß sein Außenminister, der aufgeschlossene, weltgewandte Slowake Marko, durch den zwielichtigen CSSR Botschafter in Moskau und einstigen Novotny Anhänger Koucky ersetzt wurde. Ebenso hat sich Verteidigungsminister Dzur, ein engster Freund Dubceks, behauptet, während Josef Kempny, ein nichtkompromittierter Husak Anhänger, Dubceks Nachfolge im Parteipräsidium antrat.

Beim personalpolitischen Wechselspiel, das jetzt über die Prager Bühne ging, sind die Extremen des konservativen Lagers leer ausgegangen. Dagegen ist eine große Zahl bisher unbekannter jüngerer Praktiker oder Technokraten ans Ruder gekommen. Leute, die weder vor noch nach dem Januar 1968 „abgestempelt" worden sind. Mit ihnen hofft Husak das gestrandete Staatsschiif vor allem wirtschaftlich flottzumachen. Kann dieser neue, vielleicht letzte Anlauf gelingen? Die verbreitete Apathie im Lande verspricht wenigstens Schutz vor Störungen. Die Gewerkschaften, deren Vorsitzender Polacek seit Jahren jeder Schwenkung der Parteispitze mühelos folgt, halten Ruhe. Den Studenten hat der neue Erziehungsminister Hrbek versichert, er werde „die Rückkehr zu den Praktiken der fünfziger Jahre in keiner Form zulassen", jeder habe „das Recht auf eigene Meinung, doch ist niemand berechtigt, partei- und staatsfeindliche Handlungen zu begehen".

Der neu aufgerissene Zwiespalt zwischen Denken und Reden, der Rückfall in jenen Opportunismus, in den sich Tschechen und Slowaken allzuoft in ihrer Geschichte flüchten mußten, wird produktives Arbeiten freilich noch lange hemmen. Die Arbeiterschaft selbst ist dabei, sich vollends von jenen abzuwenden, die ihr seit 25 Jahren wechselnde politische Konzepte anbieten, doch nicht das, was sie vor allem wollen: den Lebensstandard eines hochindustrialisierten Landes. Dubcek war ihr letztes Idol.

Die „realistischen" Konsequenzen, die gegenwärtig in Prag aus diesem Zustand gezogen werden, klingen wie bittere Ironie und sind doch ernst gemeint „Marxisten können sich nicht dem Mythos von einer kompakten Einheit zwischen Volk und Partei hingeben", schrieb letzte Woche Präsidiumsmitglied Indra. Wer aber außer Marxisten und Kommunisten hat je an diesen Mythos geglaubt? Der kurze historische Moment, da einige ihn radikal in Wirklichkeit verwandeln wollten, ist ihnen selbst zum Verhängnis geworden.

 
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