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Der Lyriker Hans Peter Keller "Von Hilde Domin

Das Gedicht, mit dem Hans Peter Keller programmatisch seinen Lyrikband „Herbstauge" eröffnete (Limes, 1963), hieß „Klarsicht". „auf der Hut vor dem Traum blase ichden Staub abvon den Spiegelungen " An dieses Programm hat Keller sich gehalten, seine sechs Gedichtbände (sämtlich bei Limes, seit 1958) sind einer immer asketischer als der andere. Der letzte ist kürzlich erschienen — Hans Peter Keller: „Stichwörter Flickwörter"; Limes Verlag, Wiesbaden; 66 S, 8 — DM. Dazwischen lag noch ein Aphorismenband, mit dem für ihn so charakteristischen Titel, der über dem Gesamtwerk stehen könnte: „Panoptikum aus dem Augenwinkel" (Limes, 1966).

All diese Bücher haben die hübschesten Adjektive gesammelt auf ihrem kurzen Weg vom Drucker in die — relative — Vergessenheit, die fast alle Bücher heute ein oder zwei Jahre nach ihrem Erscheinen erwartet: Man hat Keller „einen geschliffenen Dialektiker" genannt, einen „Meister des Lakonismus", ihm die „Unverdorbenheit des eigenen Weges" und „eine Elastizität im Handwerklichen, die ihn zum lyrischen Ideogrammstil der Jüngsten befähigt", bescheinigt.

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Warum haben sich dann seine Bücher nicht „summiert", warum ist bei ihrem Vorbeizug nicht zumindest die Figur dieses so ungewöhnlich gescheiten und lebhaften Autors deutlich geworden? Denn meistens wird doch die Figur deutlich, auch wenn die Bücher dahingehen.

Es scheint mir daran zu liegen, daß er ein Einzelgänger ist und nicht teilnimmt an irgendeiner Art „Betrieb". Ein Einzelgänger aber ist er, und nicht teil nimmt er — im Guten wie im Ungünstigen —, eben weil er als Figur nicht so in Erscheinung getreten ist wie andere. Das ist die Dialektik des Vorgangs: Man sieht ihn nirgends, weil man ihn nirgends sieht, er ist ganz einfach nicht „eingelocht" auf den großen Lochkarten, aus denen die „richtigen" Namen bei den richtigen Gelegenheiten auf die Tische springen. Lobe — und die hat Keller gehabt — lassen den Gelobten ins Leere fallen, ins- literarische Niemandsland, solange der Kritiker sich nicht entschließt, den Platz des Autors unter den Schreibenden aufzuzeigen, ihn zu orten in der Landschaft seiner Zeit. Etwas, was einem Mitglied der Gruppe 47 nie passieren konnte, dort hatte man professionelle „Platzanweiser". Während sonst die Kritiker gern in werkimmanenter Unverbindlichkeit bleiben, als sei jedes Buch ein Einzelphänomen, von nirgendher kommend und nach nirgendwo gehend, eine Art Seifenblase. Gruppenlesungen vor einem eigens versammelten Gremium hochkarätiger Zuhörer, bei denen ein spontanes Team Urteil zustande kommt, scheinen durch nichts zu ersetzen, schon gar nicht in einer so verantwortungs- und also urteilsscheuen Zeit wie der unsern (Das hat sich wieder bei der Lohrer Lesung gezeigt, wo Katrine von Hütten wie ein Kaninchen aus der Tüte kam, durch die bloße Kraft ihres Worts, und sofort Konsensus herstellte, während vorher einzelne Lektoren unschlüssig in ihren Gedichten gestochert hatten ) Ich möchte daher versuchen, Hans Peter Keiler zu „orten" in unserer literarischen Topographie. Das heißt, ich will hörbar machen, wie seine Stimme sich neben den Stimmen der ändern ausnimmt. Und daß es eine unverwechselbar eigene Stimme ist, die hier spricht. Ich vergleiche ihn also versuchsweise mit Krolow und mit Eich, denen er mir relativ am verwandtesten zu sein scheint. Den späteren Eich meine ich, also nicht den der „Botschaften des Regens", sondern den der „Anlässe und Steingärten".

Das tertium comparationis für die drei Autoren wäre das hohe handwerkliche Können: die in jedem Satz spürbare „Hand" des Autors, der die sprachlichen Entscheidungen trifft und der auch auf die sprachlichen Entscheidungen in besonderem Maße angesprochen sein will. Diese immer fühlbare Distanz zum Text, die bei den drei Genannten wiederum nie so ernste Sprachübung wird, daß sie nicht Raum ließe zu Spiel und Selbstironisierung. Dabei neigt Keller am meisten zum Wortspiel, die „Stichwörter" sind es oft nur für Wörter. Mehr als die beiden ändern nähert er sich den Sprachexperimentern, besonders im letzten Band, obwohl diese Grenze nicht überschritten wird.

Karl Krolow steht Keller wohl am nächsten, seinem „Zeitgenossen" im engstmöglichen Sinne: Beide 1915 und arri gleichen Tag geboren. Wie Krolow ist Keller immer geschliffen, rasch in der Gedankenführung, wie Krolow hat er eine sich begrenzende Thematik, nicht die Krolowsche natürlich. Anders als Krolow ist er ein Wenigoder sogar Wenigstschreiber, anders als Krolow wendet er sich fast immer in direkter Anrede an das Gegenüber, und sei es das eigene Spiegelbild, ist sozusagen im dauernden Dialog des einsamen und unruhigen Menschen, der laut über seine Einsamkeit hinwegspricht, den potentiellen Partner anredend und um ihn werbend („duschlag mich meinetwegenoder du kannst mir die Hand geben") oder ihn verspottend und auslachend: oft ihn und sich selber, den Redenden, auslachend und bagatellisierend, bis das Gedicht selbst wegbagatellisiert ist. Während Krolows Gedichte gleichsam den Rücken zeigen und davongehen in die Welt der eigenen Metapher: Schlußlichter glänzen auf, die sich vom Lesenden entfernen.

Natürlich ist auch das Sprechtempo verschieden. Der Rheinländer spricht meist schneller als der Hannoveraner, wechselt den Tonfall mehr und verkürzt den Abstand zum Leser. Beim „Panoptikum aus dem Augenwinkel" ist eben immer ein Zwinkern da, das diesen Abstand verringert, zugleich aber auch die innere Spannung des Texts, sein poetisches Klima, auf niederer Voltzahl hält, sei dies nun eine Temperamentsfrage, eben des typischen Rheinländers, sei es übergroße Scheu eines nur an der Oberfläche heiteren und sehr schüchternen Menschen vor dem „Nicht mehr Sagbaren".

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