Johannes Steinhoff: Aus dem Tagebuch des Kommodore (II) Menschen als Roboter

Wie die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg verheizt wurde

Herr General, ich melde Ihnen, daß meine Gruppenkommandeure bereit sind, sich einem Kriegsgericht zu stellen. Sie meinen, daß man den Feigling pro Gruppe schließlich nicht durch "Würfeln betimmen kann, und bestehen darauf, daß gegen sie ein Verfahren eingeleitet wird.

Ich hätte noch einiges Bittere hinzugefügt, aber er unterbricht mich mit einer heftigen Handbewegung „Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten nichts unternehmen! Der Gefechtsbericht über den Einsatz hat beim Zweiten Fliegerkorps einen guten Eindruck gemacht. Der Kommandierende General setzt sich mit Nachdruck dafür ein, daß der Befehl des Reichsmarschalls zurückgezogen wird " Dennoch kann er nicht ungeschehen gemacht werden, Herr General. Die Flugzeugführer sind tief getroffen und verletzt. Sie glauben, daß man sie nicht mehr versteht. Sie haben mir doch eben eine Vorstellung von der Übermacht vermittelt, auf die wir täglich treffen. Ich bin der Überzeugung, daß diese Quantität nur durch überlegene Qualität, verbunden mit dem entsprechenden Kampfwillen, äufgewogen werden kann. Aber unsere Jäger sind nicht mehr besser als die der Alliierten " „Ich weiß, was Sie sagen wollen", antwortet der General in einem Ion, der Verständnis anzeigt. „Aber in einem mit Klugheit und Disziplin geführten Jagdkrieg wird immer noch das Glück und der Erfolg auf unserer Seite sein " „Aber Menschen sind keine Maschinen, Herr General! Die Grenze der Leistung ist bei den meisten Flugzeugführern längst erreicht. Ich meine, es gibt moralische Maßstäbe, die nicht durch Befehle ersetzt werden können " „Wie meinen Sie das?" „Ich will damit sagen, daß Tapferkeit — oder besser Selbstüberwindung nicht einfach befohlen werden kann, jedenfalls nicht durch Befehle, die eigentlich verletzende und entehrende Vorwürfe sind " „Aber nun hören Sie doch endlich mit der Geschichte auf! Ich habe Ihnen dodi gesagt, daß er es gar nicht so gemeint hat " Nicht überzeugt schüttele ich den Kopf „Ich fürchte, Herr General, er meint es so " Stumm sitzen wir uns gegenüber und wissen, daß wir das gleiche denken. Ich verstehe den General und weiß, daß er sich keine Blöße geben darf. Mich aber drängt es, endlich einmal das auszusprechen, was schon lange so schwer auf mir, auf jedem anderen Kommodore lastet. Was bat sich eigentlich geändert, seit ich in den Weihnachtstagen des Jahres 1941 den General im ostpreußischen Hauptquartier aufsuchte, um mit Hilfe seines Einflusses zu erreichen, daß meine Jagdgruppe nicht im Infanteriekampf an der Ostfront geopfert wurde? Wir waren damals auf einem Flugplatz am Rande der Stadt Klin eingefallen, als ein plötzlicher Kälteeinbruch das Thermometer auf minus 50 Grad sinken ließ. Und gerade bei dieser Witterung brachen die frischen wöhläösgerüstetiehTtfrid winterharten Truppen aus Sibirien mit Hunderten von neuen Panzern in die deutsche Front ein. Nicht nur das Heer mußte vor dem „General Winter" kapitulieren. Die Motoren der Jagdflugzeuge verweigerten den Gehorsam— das öl gefror in den Leitungen. Wir zerstörten die Flugzeuge und traten im Fußmarsch den Rückzug an. Als die Front bei Rschew zum Stehen kam, hatte die Gruppe ihr Rückhaltequartier in Erdbunkern unweit Smolensk bezogen. Da traf der Befehl ein, das gesamte Personal der Gruppe, Offizier und Mann, Flugzeugführer und Bodenpersonal, unverzüglich den Russen entgegenzuwerfen, die zwischen Rschew und Wjasma durchzubrechen drohten.

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Ohne zu zögern bat ich um Erlaubnis, den General der Jagdflieger in Ostpreußen aufsuchen zu dürfen. Ich bekam sie und flog nach Insterburg. Dort beschwor ich den General, schnell einzugreifen, bevor die Jagdgruppe verloren war. Ich zweifelte die Rechtfertigung dieses Befehls an, da keiner der Soldaten eine infanteristische Ausbildung hatte; sie waren im Erdkampf genausoviel wert wie U Boot Besatzungen. Die Dezimierung der Gruppe, so erklärte ich ihm, sei ein nicht wieder gutzumachender Verlust an Kampfkraft.

Der General — er hatte soeben sein Amt als Waffengeneral der Jagdflieger übernommen 4— hörte sich meine Worte schweigend an, die ich, noch unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse an der Front stehend, mit Ernst und Über zeugung vorbrachte. Dann begann er in der ihm eigenen ruhigen Art über das Dilemma unserer Luftrüstung zu sprechen. Seit eh und je habe er dem Reichsmarschall mit dem Wunsch nach mehr Jagdflugzeugen, mehr Jagdgeschwadern in den Ohren gelegen. Die offensive Lüftkriegführung sei eine Utopie, so habe er ausgeführt, wenn man das Gesetz des Handelns bereits verloren habe. Nun endlich sei man, wenn auch widerstrebend, bereit, die Produktion der Jagdflugzeuge zu beschleunigen und mehr Geschwader aufzustellen. Und gerade in dieser Situation lasse man die Flugzeugführer in Erdlöchern sterben! Er versicherte mir, er werde alles daransetzen, den Einsatz einer Jagdgruppe im Erdkampf zu verhindern.

Voller Optimismus verließ ich das Hauptquartier und kehrte zu meiner Gruppe zurück. Aber in den Tagen meiner Abwesenheit war Furchtbares geschehen. Man hatte das Personal der Gruppe in eine Luftwaffen Felddivision eingegliedert und mit dieser das Loch gestopft, das die Sowjets m die Front zwischen Rschew und Wjasma gerissen hatten. Die Soldaten und Offiziere hatten den Abschnitt, der ihnen befohlen war, tapfer und erfolgreich verteidigt, obwohl sie für den Infanteriekampf in der sibirischen Kalte weder ausgebildet noch ausgerüstet waren. Bei einem der Nachtangriffe war es den Russen gelungen, bis auf Nahkampfentfernung an den Abschnitt der Gruppe heranzukommen. Sie waren eingebrochen und hatten mit Handgranaten und Seitengewehr unter den ungeübten Verteidigern gewütet. Als es bei Tagesanbruch gelang, das verlorene Gelände zurückzugewinnen, konnte man die Gefallenen bergen. Man fand sie, in der mörderischen Kälte steifgefroren, durch Kolbenhiebe bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet. Vier junge Flugzeugführer Offiziere, unter ihnen der Adjutant, waren bei den Gefallenen, die sämtlich zu den tüchtigsten Leuten meiner Gruppe gehört hatten.

Der General der Jagdflieger hielt sein Versprechen, uns aus dem Erdkampf zu nehmen, Wir verlegten nach Ostpreußen, und bald, war eine neue, Garnitur fabrikneuer Me 109 Flugseuge angeliefert. Aber der personelle Aderlaß war schwerer zu überwinden. Es dauerte Monat, bis die Gruppe ihre alte Kampfkraft und technische Höhe wieder erreichte.

An dieses Zusammentreffen mit dem von allen Jägern verehrten Vorgesetzten denke ich letzt, während ich mit ihm in einer Sprache spreche, die nur unter Männern möglich ist, die einander vertrauen.

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