Wahn und Wirklichkeit im Wohlstand (IV und Schluß) Mit 22 Jahren zum Tanzen schon zu alt...
Frauen, schlecht entlohnt — Erziehung zum Verzicht Träume vom Komfort / Von Gisela Stelly
Barbara L gekündigt. „Dann ging ich in die Industrie", sagt sie; und sie meint einen Kaufhauskonzern. Sie wurde Änderungsschneiderin.
„Der Konzern zahlt besser", sagt sie: 488 Mark netto am Monatsende (brutto 650 Mark). Dafür arbeitet Barbara 42V 2 Stunden in der Woche, auch sonnabends; dafür steht sie um 6 30 Uhr auf und kommt um 17 30 Uhr nach Hause; dafür bekommt sie achtzehn Arbeitstage im Jahr Urlaub und hundert Mark Weihnachtsgeld. Auch hat sie zehn Prozent Ermäßigung für Lebensmittel, fünfundzwanzig Prozent für Berufskleidung, fünfzehn Prozent für alles übrige, was sie im konzerneigenen Warenhaus kauft.
In der Bundesrepublik gibt es 9 5 Millionen berufstätige Frauen; zweieinhalb Millionen sind Mütter mit Kindern unter achtzehn Jahren, 91 000 der Mütter sind unverheiratet. 479 000 haben drei und mehr Kinder. Schlecht bezahlt und mit kaum einer Chance, jemals in eine bessere Lohngruppe oder in bessere Arbeitsverhältnisse aufzusteigen, müht die Frau mit Kindern sich im Haushalt und im Beruf ab — und dann stellt sie fest, daß sie vor den Augen der Umwelt versagt: als Hausfrau, als Mutter und als berufs tätige Frau, schließlich auch als Ehefrau, als „seine" Frau, die mitverdienen muß. „Die Industrie" braucht die Frauen und kann es sich doch leisten, ihnen schlechte Arbeit und niedrige Löhne zu diktieren. Eine Frauengewerkschaft gibt es nicht.
Was heute unter „Frauenarbeit" verstanden wird, ist vor allem durch ein Höchstmaß an Monotonie bestimmt, etwa das Trennen von Eigelb und Eiweiß im Akkord in der Keksfabrik, oder es erfordert viel Fingerfertigkeit, wie zum Beispiel das Verlöten der Drähte in Glühbirnen. Solche Frauenarbeit verlangt keine Ausbildung, wohl aber weibliche Eigenschaften wie eben Fingerfertigkeit. Und deren Marktwert ist gering.
Doch weshalb soll monotone Arbeit oder Fingerfertigkeit weniger wert sein. Und davon ganz abgesehen, wie es um die Einschätzung der Frauenarbeit steht, wird vollends deutlich, wenn Frauen die gleiche Arbeit haben wie Männer: Sie erhalten dafür einen ungleich geringeren Lohn. So sind die Frauen für die Industrie der Bundesrepublik gleichsam das was die Neger für Amerikas Wirtschaft.
Das ist der durchschnittliche Brutto Wochenlohn für Männer und Frauen Januar 1967 (laut Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes): Hamburg Schleswig Holstein Niedersachsen Bremen Hessen BadenWürttemberg Bayern Berlin (West) Männer 239 Mark 210 Mark 198 Mark 214 Mark 203 Mark 204 Mark 192 Mark 210 Mark Frauen 153 Mark 132 Mark 136 Mark 137 Mark 136 Mark 137 Mark 129 Mark 138 Mark In der Abteilung, in der Barbara L arbeitet, sind dreizehn Änderungsschneider und Schneiderinnen beschäftigt. Zwei der Frauen sind über fünfzig, die anderen zwischen dreißig und vierzig. Und wer nicht nur ändert, sondern auch absteckt, verdient bis zu hundert Mark mehr. Die beiden Männer in der Abteilung machen zwar die gleiche Arbeit, haben aber ein höheres Einkommen „Sie sind Familienträger", sagt Barbara L ; der eine ist Anfang Sechzig und hat 800 Mark brutto, der andere, fünfzig Jahre alt und taubstumm, hat achtzig Mark weniger. Warum? Weil er taubstumm ist und weniger Steuerabzüge hat, wird sein Bruttolohn geringer gehalten.
Lohnerhöhungen sind nicht üblich. Man kann kündigen, wenn irgendwo anders mehr bezahlt wird. Barbara L erzählt: „Es gibt viele, die nur die Eröffnung von großen Kaufhäusern mitmachen, weil dann noch die Versprechungen gehalten werden. Nach drei Monaten kündigen sie dann wieder und gehen zur nächsten Eröffnung " An die tausend Verkäuferinnen sind in dem konzerneigenen Haus beschäftigt. Sie haben einen Bruttoverdienst von 600 bis 700 Mark im Monat. Nur wenige Stockwerke höher werden den Managern Monatsgehälter um 20 000 Mark gezahlt; und die Vorstandsmitglieder in der Zentrale kassieren bis zu 45 000 Mark monatlich und mehr.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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