Ostberlin - dekorativ belebt
Die Vorbereitungen zum zwanzigsten Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober haben das Berliner Stadtbild dekorativ belebt. Die „Zwanzig", in römischen oder arabischen Ziffern, blumenumrankt oder als streng konstruktive Röhrenplastik, schmückt Ministerien, Theater, Bahnhöfe, Plätze. Frisch gestrichene Fassaden, es riecht noch nach Farbe. Baugerüste werden abgenommen, und was da jetzt Unter den Linden aufgeschlagen wird, sind schon die Tribünen für die Feierlichkeiten. Große Zeit für Baubrigaden. Der Alexanderplatz, diese jahrealte riesige Baustelle im Stadtzentrum, ist in seiner zukünftigen Gestalt immerhin schon erkennbar, der Wiederaufbau des Kronprinzenpalais kommt rechtzeitig am Jahrestag zürn guten Ende. Populäre Attraktion: die ersten Fünfmarkstücke (paradoxerweise auch mit einer römischen Zwanzig) und das Karussellcafe im Fernsehturm, das Sonntag eröffnet wurde. Dem Datumsfetischismus scheinen sich die Bildenden Künstler weitgehend entzogen zu haben. Im Treptower Park ist noch bis Ende Oktober die alljährliche Sommerausstellung „Plastik und Blumen" zu sehen, in diesem Jahr Bildhauer der DDR und der UdSSR. Die Gastgeber haben sich zurückgehalten; so gute Bildhauer wie Fritz Cremer, Stötzer, Förster sind nur sparsam und abseits der Hauptwege vertreten. Die sowjetischen Gäste demonstrieren den Willen zur Monumentalität mit ungewöhnlichen Formaten, aber kaum als formales Prinzip.
Die Ostberliner Festtage (Parallelveranstaltung zu den Westberliner Festwochen) stehen in diesem Jahr ganz im Zeichen der Geburtstagsfeierlichkeiten. Da wird mit Stolz die zwanzigjährige Entwicklung in einzelnen Bereichen vorgeführt, so für das Theater in der Akademie der Künste. In drei Stockwerken des Hauses am Robert Koch Platz sind Szenenphotos, Bühnenbildentwürfe, Modelle, Kostüme, Masken, einzelne Bühnenrequisiten aus zwanzig Jahren präsentiert. Die Monstreschau ist nach unterschiedlichen Gesichtspunkten gegliedert, da werden etwa die drei Faust Inszenierungen des Deutschen Theaters zum Vergleich angeboten, von Langhoff 1949, Kaiser 1965 bis zur umstrittenen Interpretation von Dresen und Heinz im vergangenen Jahr. Ein Raum vereint die Uraufführungen zum Jahrestag, immerhin ein rundes Dutzend, freilich zum Teil die Bühnenfassung erfolgreicher Romane. Die Lust an neuen Stücken ist keineswegs auf die Hauptstadt beschränkt; eines der interessantesten Experimente dürfte die „Anregung" sein, mit der das Landestheater Halle bei den Berliner Festtagen gastiert. Die Ausstellung demonstriert, wie viele und wie gute Bühnen es in dem Siebzehnmillionenstaat gibt.
Nur die Bühne, die diese lebendige sozialistische Theaterkultur einleitete, das Berliner Ensemble, scheint in der Krise. Den eigenen zwanzigsten Geburtstag feierte man im September mit dem vierten Brecht Abend, dem „Messingkauf"; zum Jahrestag der Republik bereitet man einen fünften Brecht Abend, das „Manifest" vor. Im übrigen beschränkt man sich auf eine Wiederaufnahme der „Optimistischen Tragödie", einer Inszenierung aus den fünfziger Jahren.
Von den Theaterenthusiasten neugierig erwartet und mit großen Vorschußlorbeeren bedacht wurdep, die „Horizonte", die erste Inszenierung von Benno Bessern, nachdem er die küdstlerisehe Leitung der Volksbühne übernommen hat. Wenn der Eindruck nach der Premiere recht zwiespältig war, kaum einer so recht etwas mit dem Stück anzufangen wußte, so liegt das nicht zuletzt an der eigenartigen Genesis des Textes. Die ursprüngliche Fassung von Gerhard Winterlich, für das Arbeitertheater des Erdölverarbeitungswerks Schwedt geschrieben, war als Gast spiel bei den Berliner Festtagen im vergangenen Jahr zu sehen. Die Probleme, die Winterlich mit Hilfe des Theaters zur Diskussion stellt, sind der Realität der Produktionsstätte entnommen: die Optimierung der Betriebsstruktur mit Hilfe der Datenverarbeitung und ihre Konsequenzen für die Betriebsangehörigen, die Schwierigkeit, humanistischen Anspruch und technische Effektivität zu vereinen, der Konflikt zwischen der Generation der kämpferischen Altkommunisten und den jungen Technokraten. Und in schöner Naivität hat Winterlich dem Theater in diesem Zusammenhang eine betriebsnahe Aufgabe zugewiesen, nämlich zwischen den Gegensätzen zu vermitteln, neue Einsichten zu fördern. Im Naherholungszentrum spielen die Betriebsangehörigen als Arbeitertheater den Protagonisten die jeweilige eigene Position vor, um die Borniertheit der Kontrahenten abzubauen. Das Spiel im Spiel demonstriert gleichsam das Selbstverständriis des, Stückeschreibers Winterlich und des Arbeitertheaters Schwedt.
Heiner Müller, der die Fassung der Volksbühne in Zusammenarbeit mit Winterlich und den Laienschauspielern aus Schwedt herstellte, hat das Motiv des Spiels im Spiel aufgenommen und weiterentwickelt. Der Rollentausch ist nicht mehr bewußt als pädagogisches Mittel eingesetzt, vielmehr wird das betriebseigene Naherholungszentrum zum Sommernachtstraum, in dem die Rationalität des Optimierungsteams erschüttert wird. Da gibt es Fabelwesen, ein Ein lorn stößt durch den Wald, magische Objekte, ein Mantel, ein Ball, verwandeln den, der sie annimmt, in den Augen der anderen, Verlust der Identität und Verdoppelung der Person. Ging es bei Winterlich um das Sein, so bei Müller um das Bewußtsein.
Der rasche Wechsel der Spielebenen, die ständige Verwandlung der Personen stellt artistische Ansprüche an die Schauspieler, denen sich nur Helmut Straßburger als Werkdirektor und Eberhard Esche als Produktionsdirektor ganz gewachsen zeigten. Wenn die Inszenierung nicht immer die Dynamik des ! Textes durchkälten kann, so muß märt Bessondie Schwierigkeit ;zagutehalten, mit Schauspielern aus drei verschiedenen Ensembles gegen die berüchtigte Akustik der Volksbühne zu arbeiten. Den anstehenden Umbau des Hauses am Luxemburgplatz hat man zum Jahrestag wenigstens dekorativ vorweggenommen, und Manfred Grund hat nicht nur die Bühne eingerichtet - sondern gleich noch die Wände des Zuschauerraums heiter bunt bemalt. Eine „Woche der DDR Dramatik zum zwanzigsten Jahrestag" veranstaltet das Deutsche Theater vom 4 bis 12. Oktober mit sieben Gegenwartsstücken, darunter zwei Uraufführungen, „Der Nachbar des Herrn Pansa" von Günther Rückert nach Motiven des Dramas „Der befreite Don Quichote" von Anatoli Lunatscharski, dem ersten Volkskommissar der Sowjetunion für Kunst und Wissenschaft, und „Die Manilas" von Werner Heiduczek, eine Bühnenfassung des Romans „Abschied von den Engeln". War die Dramatisierung von Hermann Kants Roman „Die Aula" zum oberflächlichen Bühnenspektakel geraten, so scheint mir die Bearbeitung der Kammerspiele manche Vorteile gegenüber Heiduczeks Roman zu haben. Die Fabel wird strmgenter, vor allem aber werden die phantastischen Familienverhältnissen auf eine kurze Briefbemerkung reduziert.
Eine frische und originelle Produktion zur Woche der Gegenwartsdramatik ist Hans Luckes „Mäßigung ist aller Laster Anfang — Szenen um den :Alexanderplatz", das Ergebnis einer intensiven und unkonventionellen Zusammenarbeit zwischen Theater und Betrieb, in diesem Fall dem Schauspieler Hans Lücke und dem Wohnungsbaukombinat. Es geht um die rechtzeitige Fertigstellung des 25stöckigen Hochhauses am Alexanderplatz, um den Heroismus des Brigadeführers Jochen, ein rechter Hennecke, aber auch um seine Eitelkeiten und selbstherrlichen Entscheidungen, die Rivalität, der Brigaden untereinander und ihren Dünkel gegenüber den Ingenieuren, das alles ohne artifizielle Ambitionen, aber mit viel Spaß am Jargon und einer frechen Musik von Reiner Bredemeier serviert. Die Regisseure Uta Birnbaum und Frido Solter beziehen den Zuschauerraum extensiv ins Baugeschehen ein.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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