Poetik eines Polizisten
josef Jedlickas Inventur um Bilanz Von Gabriel Laub
eine Poetik sei „die Poetik eines Polizisten; k"5 ich trage Fakten zusammen: ich schreibe keine Geschichte der tschechischen Literatur gehört, denn für die Erkenntnis dieser oder jener Literatur ist es wichtig, was wann erscheinen darf und kann. Bis zum August 1968 arbeitete Josef Jedlicka als Ethnologe im Kreismuseum von Litvinov, einer nordböhmischen Industriestadt, heute lebt er als Schriftsteller und Rundfunkredakteur in München „Was bin ich denn schon für ein Journalist", schrieb er mir in einem Brief, als er mir das einzige erreichbare tschechische Exemplar seines in der Tschechoslowakei längst vergriffenen Buches leihweise übersandte, „dieser allwöchentliche Backstein vorgeschriebener Minuten, der am Montag noch an einem Bindfaden hängt und am Mittwoch an einem vermoderten Haar, ist etwas, woran ich mich wohl bis an mein Lebensende nicht gewöhnen werde; das Gefühl zu haben, man könne doch noch etwas anderes tun, und auch, daß man zu Ende führen könnte, was man während der vergangenen zwanzig Jahre daheim nicht schaffen durfte, ist eine Angelegenheit der seelischen Hygiene, eine Verteidigung gegen die Schwermut und schließlich und endlich auch etwas, womit sich erklären und rechtfertigen läßt, daß man hier im Lande lebt " Jedlickas „Polizisten Poetik ist wohl der Poetik von Fellinis Film „SVä" am nächsten ver- wandt. Sie verbindet die äußere und innere Realität zu einer komplexen Wirklichkeit, die Beweiskraft eines kraß verzeichneten Fakts mit der Überzeugungskraft einer hundertmal durchdachten und tausendfach durchlittenen Analyse, jede Tatsache mit der Elle des eigenen Erlebnisses messend. Und das, was ich sage, sage ich so schwer, daß meine Hände voller Schwielen smd", gesteht er in seinem Buch. Jedlicka ist ein Zeuge -zu dem sich jedes Gericht beglückwünschen könnte. Er selber prüft ständig die sachliche Richtigkeit seiner Aussage und seine eigene Glaubwürdigkeit.
Jedlickas Buch ist weder eine Chronik der Zeit noch die Chronik eines Lebens. Es ist eine Inventur der Zeit und die Lebensbilanz des Erzählers. Bei einer Inventur kommt es nicht auf die Chronologie an, bei einer Bilanz ist der Endstand das Wichtigste. Es ist die Bilanz eines Menschen, der sich selber am Anfang gänzlich in die Rubrik „Soll" eintrug und die Rubrik „Haben" der Gesellschaft schenkte. Nun stellt er fest, daß die Zahlen in der Rubrik „Haben" ohne Deckung sind, erschreckende Schulden, die man als Gewinne deklariert, entdeckt in der Inventarliste der Realitäten eine endlose Reihe als modernste Städte ausgegebener Potemkinscher Dörfer. Josef Jedlicka ist wirklich kein Journalist, er ist weder Sucher noch Beurteiler von Tatsachen. Er ist ein Mann der Literatur und aus der Literatur. Das Leben gestaltet sich ihm nadi dem „konstruktiven Prinzip der Prosa" und dem „konstruktiven Prinzip des Gedichts", „Ich aber schreibe ein Buch: Irgendwo, mitten im Leben, kommt der Augenblick, in dem ein Mann sein Leben in die eigenen Hände nehmen muß " Schicksal gleich Buch. Gerade deshalb verzeichnet er die. Tatsachen so genau und scharf: Er sammelte sie nicht, häufte sie nicht an, sie selbst schnitten sich ihm mit ihren scharfen Kanten in die Seele und ins Fleisch.
Wenn wir die Form der Dinge nach der Form der Wunden reproduzieren, die sie uns geschlagen haben, kann die Wiedergabe nicht ungenau sein.
Peter Urban reiht Jedlickas Buch in seinem Nachwort unter „Prosa ohne Sujet" ein. Ich habe nicht die Absicht, über literaturwissenschaftliche Kategorien zu diskutieren — sie sind stets nur eine Sache der Terminologie. Vielleicht irritiert uns die Vielfalt des faktographischen Materials, das in die Handlung eingebaut ist: die Entwicklung der Muster auf den Schlipsen von Bergmannslehrlingen und das schlechte Funktionieren der Heizung in einem repräsentativen Großwohnhaus, das zur Massenzeugung der künftigen Bergmannslehrlinge führt; die Bekehrung einer Nonne zum marxistischen Glauben und die Wirkung einer elektrischen Waschmaschine auf die zwischenmenschlichen Beziehungen; das Verschwinden von Faunen, von denen nur eine Achtton Syrinx aus einem Stalinit genannten Kunststoff in den Händen eines kleinen Jungen zurückbleibt; und die rationelle Nutzung von Baracken, ein Überbleibsel von Nazi Konzentrationslagern — all das gehört zu den Bestandteilen der Fabel: der Geschichte vom Weisewerden eines naiven Intellektuellen. Oder vielleicht nur von seinem Traurigwerden, denn ein Intellektueller, der weise wird, hört auf, ein Intellektueller zu sein. Er pfeift auf das Denken und beginnt sich bequem ein Leben einzurichten, den Möglichkeiten entsprechend, die ihm Zeit und Gesellschaftsordnung gewähren.
Wenn ich ein Dichter wäre, schriebe ich eine Ode auf die heilige Naivität der Intellektuellen, heilig im wahrsten Sinn des Wortes. Die Dogmatiker aller Kirchen — von den frühchristlichen Aposteln bis zu den Sekretären der kommunistischen Parteien — hegen Haß und Mißtrauen gegen die Intellektuellen, schimpfen sie Zweifler und Klügler und wittern in ihnen — zu Recht — die Urheber jeglicher Ketzerei. Doch keine Kirche kommt ohne Intellektuelle aus, denn nur sie sind die echten Gläubigen. Jede Religion gründet sich auf die Magie des Wortes, auf den Glauben an seine erlösende Allmacht. Ein echter Gläubiger ist nicht jener, der alles aufs Wort glaubt, sondern derjenige, der an das Wort glaubt. Nur ein Intellektueller ist fähig, sich zu der Überzeugung durchzuarbeiten, das Wort sei bei Gott, und harrt so lange darauf, bis das Leben ihn durch mächtige Tritte zu der Erkenntnis bekehrt, sein Gott sei nur ein Wort. Dann wird er zum Ketzer — doch Ketzerei ist ja auch ein Glaube, bloß ein anderer.
„Man sagte ihnen — und wiederholte es Tag für Tag — sie seien die Jugend der Welt, die revolutionäre Vorhut der Arbeiterklasse. Doch die Welt ist seit Jahr und Tag hervorragend eingerichtet, von ]ahr zu Jahr lebt sichs besser, und es gibt kein Geheimnis, das nicht enthüllt würde. Die Revolution bedeckte ihre entblößten Brüste, wurde dicker, und den ganzen Abend starrt sie in die Mattscheibe. Und da zeigte sich, daß die Motivation fehlt. Daß es keine Perspektive gibt. Daß der Käfig zugefallen war. Daß Wahrheit und Lüge keine Antinomien sind, sondern dialektische Gegensätze. Daß jede Wirklichkeit wie die bittere Lehre von Sklovskij lautete daß jede Sache mit jedem beliebigen Namen benannt werden und jeder beliebige Name jede beliebige Wirklichkeit bedeuten können " Jedlicka paßte diesen Absatz in das Kapitel über die Bergmannslehrlinge ein, doch gewiß dachte er dabei eher an die frühere Generation der „Jugend der Welt", an die Studenten und jungen Arbeiter, die sich in den Jahren 1945, 46, 47 nächtelang in verrauchten Buden oder bei Spaziergängen bis zum Morgengrauen um Sätze von Marx und Lenin stritten, die im Februar 1948 in den Prager Straßen patrouillierten, Redaktionen und Ministerien besetzten, Stundenhotels requirierten, um Studentenheime daraus zu machen. Zwanzig Jahre später, im Jahre 1968, glaubten sie wieder, daß Worte ihre Bedeutung hätten und man den Traum von einer gerechten Gesellschaft doch noch verwirklichen könne. Er selber war einer von ihnen.
Dem deutschen Leser dürfte es nicht leichtfallen, so manches in diesem verdichteten Buch (man mache gar nicht erst den Versuch, es im Schneileseverfahren zu konsumieren, in diesem Fall versagt es garantiert) zu verstehen. Bei den Zitaten aus dem berühmten Gedicht „Maj" (Mai) von Karel Hynek Macha wird er vermutlich in die Erklärungen am Ende des Buches schauen müssen; nach der Übersetzung des Liedes „Das bin ich, die junge Freiheit, zu einer roten Blüte erblüht" wird er nicht in der Lage sein, dessen Melodie zu rekonstruieren, geschweige denn die Ironie zu merken, die darin liegt, daß Rudolf Cortez, der tschechische Schnulzenkönig, sie sang. Der Autor des Nachworts hielt es sogar für nötig, die politische Engagiertheit dieses zutiefst persönlichen Buches vor dem Leser zu verteidigen — in der Tschechoslowakei verstand jeder sie: jene, die jahrelang nicht erlaubt hatten, das Buch zu drucken, wie auch jene, die es dann zu einem vergriffenen machten.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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