Prager Inquisition

Die Säuberung auf Raten ist noch nicht beendet Von Marion Grälin Dönhofl

Die Inquisition schreitet fort. Im Spanischen Saal der Burg auf dem Hradschin brauchten die. 110 Mitglieder des ZK dar tschechoslowakischen KP 24 Stunden länger als vorgesehen, um zu beschließen, wer alles auf den großen Kehrichthaufen der kommunistischen. Geschichte gefegt werden solle. Ergebnis: Die Regierung Cernik muß zurücktreten — offenbar ist dieses Pauschalverfahren einfacher, als die Minister einzeln herauszuschießen, denn es sind ihrer offenbar sechs, die abgesetzt werden. Cernik selbst bekam sogleich den Auftrag, eine neue Regierung zu bilden. Er, der erst dem Altstalinisten Novotny als stellvertretender Ministerpräsident diente, dann amtierender Ministerpräsident unter Dubcek wurde, wird also nun die Regierung der NeoStalinisten anführen. Es gehört keine große Prophetengabe dazu vorauszusehen, daß die Inquisition der kleinen Schritte auch ihn eines Tages auf jenen Kehrichthaufen befördern wird — dann wird er einer der ganz wenigen sein, der dort mit Zustimmung der überwältigenden Mehrheit seines Volkes landet.

Auch Husak dürfte dieses Schicksal wohl kaum erspart bleiben, wenn er dereinst das Programm der Russen voll erfüllt hat und die Illusion, mit moderatem Vorgehen das Schlimmste verhindern zu können, endgültig zerplatzt ist. Indra, heute Sekretär des ZK, einst von Moskau als Chef einer Quisling Regierung in Prag vorgesehen, steht längst Gewehr bei Fuß und wartet auf den sowjetischen Befehl, seinen ihm damals zugedachten Posten zu übernehmen.

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Aber nicht nur die Regierung wird gesäubert, sondern auch die Nationale Front und die Partei in allen ihren Gliederungen. Wer je mit Taten oder Worten hatte mithelfen wollen, den Sozialismus in der CSSR zu vermenschlichen, wird zur Rechenschaft gezogen. Da tauchen sie alle wieder auf, die Namen von damals. Dubcek selbst muß das Parteipräsidium verlassen und wurde als Präsident des Bundesparlaments abgelöst, bleibt aber vorläufig noch Mitglied des ZK. Aus dem ZK ausgestoßen wurden: Visef Smrkovsky, der große einsilbige M "°8 >i i j i ji aeit gefunden, kantigen Gediehe, de_r so beredt, n TVmochte, was Sozialismus JT:£ J ;, i&ehlicnen Antlitz ist, ferner General ?rJu , j ,r mehr Mitsprache im Warschauer Pakt gefordert und die sowjetische Vorherrschaft in diesem Bündnis kritisiert hatte, der ehemalige Außenminister Jiri Hajek, der nach der Invasion vor der UN plädierte, Litera, der Organisator des improvisierten 14. Parteitages, Silhan, der bei jener Gelegenheit, als Dubcek von den Sowjets verhaftet war, zum ersten Parteisekretär designiert wurde , es sind rund zwanzig überzeugte Kommunisten, von denen einige schon während der deutschen Besetzung im Untergrund gearbeitet haben. Denn auch dies hat das ZK in seiner Sitzung ausdrücklich festgestellt: Die bewaffnete Invasion vom 21. August „war in keiner Weise eine Aggression gegen das Volk, auch nicht eine Okkupation tschechoslowakischen Gebiets, noch war sie eine Unterdrückung von Freiheit und sozialistischer Ordnung in unserem Staat", vielmehr war sie, so heißt es, motiviert „durch das Interesse, den Sozialismus in der CSSR gegen rechte, antisozialistische und konterrevolutionäre Kräfte zu verteidigen, durch das gemeinsame Interesse an der Sicherheit des sozialistischen Lagers und durch das Klasseninteresse der Arbeiter in der kommunistischen Bewegung".

Die Sowjets haben die seltsame Angewohnheit, die Geschichte immer wieder umzuschreiben und zu meinen, durch solch willkürliche Fiktionen auch die eigentlichen Fakten verändern zu können. Sie löschen Namen, streichen ganze Kapitel und interpretieren Ereignisse heute anders, als sie gestern stattfanden.

Papier ist geduldig — aber die Geschichte ist konsequent. Auf die Dauer entgeht keiner dieser Konsequenz: Es kann einem angst und bange werden angesichts der Intensität von Haß und Radisucht, die sich im Verfeld der östlichen Machtzentrale anstauen.

 
  • Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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  • Schlagworte Moskau | Burg | Aggression | Saale | Prag
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