Der Fall Rahn Schutzengel

Gegen Defregger wurde nicht einwandfrei ermittelt Frankfurt am Main

Zuständigkeitshalber gaben die Frankfurter den „Fall Defregger" nach München ab. Zurück behielten sie den „Fall Rahn". Rahn ist der Staatsanwalt, der in Sachen Massaker von Filetto ermittelte.

Es dauerte viele Jahre, ehe die Akten 1965 aus Italien nach Frankfurt gelangten. Hier wurden die Ermittlungen geführt, weil in Frankfurt der ehemalige Oberleutnant Birkenbäch wohnte, der verdächtigt wurde, an den Erschießungen von. siebzehn italienischen Zivilisten in Filetto beteiligt zu sein.

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In Frankfurt erschien das Ermittlungsverfahren in guten Händen zu sein, denn hier hatte man einschlägige Erfahrung. Tatsächlich konnten die Fäden auch weiter gesponnen werden. Sie führten zu einem Hauptmann Defregger, der die Exekutionstruppe von Filetto kommandierte, und zu einem Oberleutnant Ehlert, an den Defregger die Einsatzleitung übergeben hatte. Daß der Hauptmann Defregger identisch mit dem Weihbischof von München ist, konnte bald ermittelt werden. Oberstaatsanwalt Rahn aus Frankfurt machte sich persönlich auf den Weg nach Bayern, um Defregger als Zeugen informatorisch zu vernehmen. Rahn begnügte sich überdies mit den Carabinieri Berichten über Filetto, die ihm aus Rom geschickt worden waren. Nach dem Oberleutnant Ehlert fahndeten die Frankfurter Strafverfolger vergeblich. Später fand ihn ein Reporter der Süddeutschen Zeitung in wenigen Tagen; über das Bundesarchiv in Cornelimünster und das Deutsche Rote Kreuz. Nach zweijährigen Ermittlungen stellte der Chef der Frankfurter Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Birkenbach ein. Es konnte als sicher angesehen werden, daß dieser, als Beobachter nach Filetto abkommandiert, an dem Geschehen unbeteiligt war. Doch auch die Defregger Aktien wurden abgelegt: Rahn qualifizierte die Tragödie von Filetto als Totschlag und Defreggers Mitwirkung (der Weihbischof war inzwischen vom Zeugen zum Beschuldigten geworden) mußte straffrei bleiben, weil dieses Delikt verjährt war. Das war am 12. Mai dieses Jahres.

Die erneuten Ermittlungen im Fall Defregger gestalteten sich erheblich schwieriger: Jetzt mußte nämlich noch nachgeforscht werden, wie der „Spiegel" zu seinen intimen Kenntnissen der Frankfurter Ermittlungsakten gekommen war. Das Hamburger Nachrichtenmagazin hatte nämlich auf Grund dieses Wissens eigene Recherchen angestellt und das Ergebnis veröffentlicht. Das Echo in alle Welt war entsprechend. Jetzt ging die Rahn Behörde erneut ans Werk. Aber, diesmal ohne Legitimation. Denn: Nachdem der Fall Birkenbach eingestellt worden war, gehörte eine Wiederaufnahme des Falles Defregger in die Zuständigkeit der Münchner Strafverfolgung. Zu den Merkwürdigkeiten des verwirrenden Geschehen gehört es, daß man sich erst heute in der hessischen Justiz darüber klar geworden ist, daß die Akten schon lange nach München, an den Wohnorte des Weihbischofs, gehören. Auch Defreggers Verteidigerin, die Münchener Rechtsanwältin Marianne Thora, war die Frankfurter Unzuständigkeit nicht aufgefallen. Zunächst wenigstens beanstandete sie die Bearbeitung in Frankfurt nicht: solange alles zugunsten ihres Mandanten lief. Erst jetzt hat sie kein Vertrauen zur hessischen, Justiz mehr, genauer: Zum hessischen Justizminister Johannes Strehlitz, der in einem „Spiegel" Interview mit seiner Meinung über die Behandlung des Falles Defregger durch den Oberstaatsanwalt Rahn nicht hinter dem Berg gehalten hatte.

Den Journalisten gegenüber kritisierte der Minister die „lapidare Art" der Verfahrenseinstellung. Er zeigte sich besorgt über das „dogmatisch juristische Denken", das sicherlich eine größere Rolle gespielt habe als „vermutete konfessionelle Rücksichtnahme". Er stimmte der Auffassung zu, daß ein italienischer Staatsanwalt für die Frankfurter hätte ermitteln können. Es war ihm unbegreiflich, daß keine italienischen Zeugen vernommen worden waren. Aber er wollte nicht unterstellen, „daß da irgendwie Böswilligkeit im Spiele" war.

Im Gegensatz zu dem freimütigen und offenen Verhältnis des Ministers zur Presse, verhielt sich Staatsanwält Rahn Frankfurter Journalisten gegenüber mehr als zurückhaltend. Nachdem er wochenlang die Verbindung zur Presse nur über seine Sekretärin aufrechterhalten hatte und persönlich nicht zu sprechen war, verkündete er das in aller Welt mit Spannung erwartete Ergebnis der erneuten Ermittlungen im trauten Kreis von drei Frankfurter Gerichtsreportern.

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