Sie sind ein Elefant, Madame!

Wer nicht schlank ist, der ist einfältig und alt? — Wie fast fünfzig Prozent der Frauen diskriminiert werden / Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Mt Größe 44 ist man doch ein Elefant! Da kann man sich doch nicht mehr modisch anziehen wollen! Wer wirklich an Couture interessiert ist, der sieht auch zu, daß er 36 oder 38 nat. Vierundvierziger Kundinnen wollen wir gar nicht erst haben So sprach die Chefin einer Hamburger Boutique mit weltberühmtem französischem Kämen. So sprechen die Chefs der meisten Konfektionsgeschäfte mit zumindest stadtbekannten Namen und durchweg auch edlen Preisen.

Sie führen Kleider und Röcke, Blusen und Mäntel bis Größe 40, manchmal verirrt sich eine Nummer größer in die Regale, aber dann auch nur, „weil sie klein ausfällt". Bietet ein Laden tatsächlich Kleidung „in Vierundvierzig" an, erkennt man die Besonderheit schon von weitem: Die kürzeste Stange im hintersten Winkel mit dem schlechtesten Licht hinter Quergestelltem am weitesten von einem Spiegel entfernt mit den trübseligsten Farben und dem uniformsten Gesamteindruck. Gar kein Zweifel: Madame — zwischen 161 und 170 Zentimeter groß, Brustumfang um 100, Taille um 78, Hüfte um 110 Zentimeter — Madame ist ein Elefant. Was man ihr mit vollem Ernst anbietet, könnte auch unter das Rubrum Umstandskleid fallen.

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Größe 44 wird zunächst einmal einfach abgelehnt. Nicht nur Läden machen das, sondern offenbar auch ganze europäische Länder. Es heißt zum Beispiel: „Das ist ein französischer Mantel, den kann ich Ihnen nicht größer bestellen Geht nurbis42. Es heißt zumBeispiel auch: „Das ist ein italienisches Kleid, Italienerinnen sind zierlicher " Aber, natürlich, Pucci liefert in 14 und 16 (auf deutsch 42 und 44), aber er nimmt auch 400 bis 750 Mark fürs Kleid. Wer nach Billigerem strebt, muß Glück und darf keine Brust haben. Doch auf den Stangen der großen Warenhäuser drängt es sich, durchgehend von 44 bis 54, und das sieht dann so aus: Trübselige Säcke von beleidigend unmodischer Oma Schnittart in nicht viel besseren Farben, Kleid wie Rock, Mantel wie Bluse — deprimierend. Und wenn eine Frau darauf beharrt, „Mode" zu sehen, wird ihr in drei Warenhäusern das gleiche einzige Modell gezeigt und dann gleich zum Preis eines billigen Pucci. Madame ist nun mal ein Elefant. Also glaubt sie einen Ausweg entdeckt zu haben: selber nähen. Sie ahnt ja nicht, daß die allerneuesten modischen Stoffe zuerst an Vertragsschneider und konfektionäre gehen, ehe sie zwei Saisons (gleich: ein Jahr) zu spät im Stoffgeschäft oder im Warenhaus auftauchen, sofern sie da überhaupt auftauchen. Was die Mailänderin längst in großer Auswahl zu mäßigen Preisen im Warenhaus findet, soeben als Mode kreiert, findet die deutsche Frau gar nicht oder viel zu spät.

Die zweite Enttäuschung beruht auf einem ebenso gedankenlosen wie dummen Vorurteil: Viel Modezeitschriften, die sich etwas darauf zugute tun, auch „der Vollschlanken" etwas zu bieten, hängen ihr Sachen auf den Leib, die schon dünne Mannequins zu dicken „Muttis" machen: mit verzweiflungsvoll ungeschickten, veralteten, geschluderten Schnitten. Seitenlang nichts als Spießigkeit — für graue Elefanten eben. Die Schnitte von etlichen dieser „Vollschlanken Sonderhefte, auch der Warenhäuser und Stoffläden, basieren hingegen auf formalästhetischen Prinzipien, die seit 1880 oder 1930 nicht mehr korrigiert zu sein scheinen. Sie folgen noch solchen Stil Platitüden wie: Querstreifen machen dick, große Karos machen dick, große Muster machen dick, Falten machen dünn, Längsstreifen machen dünn, tiefe Taillen machen . „Es gibt keine Regeln dieser Art", sagte eine der guten Verkäuferinnen, „es kommt immer auf die ganze Figur, auf die Proportion, auf die Haarfarbe und was weiß ich an. Auch auf das Temperament! Und was heißt auch dick, breithüftig, starkbusig? Wie sind die Beine dabei?" E ist etwas merkwürdig, daß der Moderatorin einer Fernseh Modesendung zum gleichen Thema nicht mehr einfiel als die eher einfältige als ironische Schlußbemerkung: „Etwas weniger essen, meine Damen " Die Tatsachen: Nach den Größentabellen der Textilsektion DOB (sprich Damenoberbekleidtmg) tragen 14 2 Prozent aller deutschen Frauen Größe 44 und 29 2 Prozent Größe 46, jeweils in verschiedenen Unter, Über, Zwischengrößen. Mit anderen Worten: Fast die Hälfte der Frauen in der Bundesrepublik wird durch die Mode herstellenden oder verkaufenden Einrichtungen regelrecht diskriminiert.

Es wird auch nicht differenziert. Eine Definition der Firma Delmod lautet: „Achtzig Prozent der weiblichen Bevölkerung sind zwischen 25 und 70 Jahre alt Und die Firma Braasch erläutert: „Größe 44 kann man gar nicht absolut beurteilen. Hier in Norddeutschland sind Frauen groß, sportlich, kräftig, insgesamt stärker gebaut. Hier will eine junge 44 selbstverständlich schick sein. Sie ist ja nicht im geringsten dick oder gar zu dick, sie entspricht einfach dem landschaftlichen Typ " Dick, zu dick — das war das erste bezeichnende Adjektiv. Es gibt verräterischere, vor allem werden sie von Verkäuferinnen verwendet, nämlich: Wer „stark" ist, ist auch „alt", kann dies und das „nicht mehr tragen", kann steh dies und das „nicht mehr leisten", muß „gedeckte Farben" wählen, „frauliche Muster", hat eine „Problemfigur", die man wie eine Fliegerabwehrkanone „tarnen" oder wenigstens „verstecken" muß, trägt sogenannte „damenhafte Eleganz von zeitlosem Schick" und wird „nicht mehr kniefrei gesehen".

Gedankenlos kolportierte Ratschläge verfolgen Madame, den Elefanten: „Eine gute Figur macht" (was soviel heißt, daß man sie mit Größe 44 nicht mehr hat) „eine verlängerte Taille"; ein Kleid mit Längsnähten macht, angeblich „besondern schlank", „kleidsam" seien „asymmetrische Linien" sowie „halsferne Ausschnitte" und Wickelschnite, wozu übrigens eine Boutique nistin anmerkte: „Ein Vorurteil, das nicht auszurotten ist — dabei sitzen Wickelkleider nur bei schmalen Figuren, bei gut gewachsenen Brüsten rutscht das Gewickel ständig auf Und mit dem spitzen Ausschnitt sei es ebenso falsch wie mit dem runden: Es komme, wie gesagt, auf Differenzierungen an, auf die Form des Halses, die Form des Ausschnittes, die Farbe von Haut und Stoff.

Wer ist dran schuld? Schuld sind zunächst — und am allerwenigsten — die Geschlagenen selber, aber können sie etwas dafür? Da man ihnen von Anfang an vorgegaukelt hat, eine Frau von einer, bestimmten körperlichen Beschaffenheit an könne dies und könne das nicht (mehr) tragen. So sagt die Verkäuferin eben: „Wenn mal eine 44 hereinkommt, dann verlangt sie was Schlichtes Vierundvierzigerinnen resignieren und schlucken, was man ihnen nunmehr einfach und mit der allergrößten Selbstverständlichkeit oktroyiert. Sie gönnen dann auch anderen nichts Besseres: Ein junges Mädchen probierte einen schicken, taillierten Webpelzmantel an, betrachtete sich gefällig im Spiegel, aber die Mutter rümpfte die Nase, und da sagte die Tochter schon: „Zu jugendlich, nicht?" und stieg gehorsam in ein tonnenförmiges Stoffgebäude um „Deshalb", sagt die Verkäuferin, „hängt bei 44 das, was da hängt " In einem anderen Geschäft gab es diese Auskunft: „Wir haben 44, selbstverständlich, die Modelle sind nur immer rasch vergriffen Nicht zuletzt von den 44er Verkäuferinnen. Auf die Frage, warum es bei so rasender Nachfrage nicht mehr und nicht Schickeres gebe, sagt der Einkäufer eines Modenhauses mit verblüffender Eindeutigkeit: Die Hersteller bieten uns kaum etwas an " Der Einkäufer eines Warenhauses: „Die deutsche Kundin begreift erst allmählich, daß Größe 44 nicht ein Synonym von alt ist. Sie beginnt erst umzudenken. Aber die deutschen Hersteller können uns nicht bedienen. Sie denken, was den Schnitt anlangt, noch zu konservativ. Wir holen uns unsere Kollektionen aus den USA " Der Chef eines Exklusivladens: „Das ist eine Zwickmühle: Die Hochmodischen in Frankreich und Italien machen nur bis 40, höchstens 42, und die Sachen vieler deutscher Hersteller sind meinen Kundinnen ganz einfach zu bieder " Die Einkäufer, das sind die Abgesandten des Einzelhandels und der Warenhäuser, behaupten also: „Die Hersteller wollen auf Nummer Sicher gehen, sie sagen, wir könnten in den Größen 44 bis 50 nachbestellen, doch wenn wir das tun, heißt es, jetzt ginge das leider nicht mehr " Also sind die Hersteller die Sündenböcke? Was sagen die Sündenböcke dazu? Sie veisen die Vorwürfe weit von sich: „Die Misere liegt nicht an uns -Unsere Kunden" — die "Modegeschäfte und die Warenhäuser — „sind oit gar nicht fähig, ein jugendliches und schickes Kleid , als größere Größe zu sehen, es fehlt ihnen schlicht die Phantasie, sich, ein Kleid der Größe 38 in Größe 44 vorzustellen, deshalb ordern sie es viiicht In defe Tat ist die gequälte Extra Version einer Vollschlankenmode oft völlig überflüssig, weil die Schiankenmode oft einfach übertragbar ist: weil sie, für Schlanke gemacht, oft auch schlank wirkt.

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