So macht man Karriere

Mit dreiundzwanzig Lenzen promovierte er in Basel zum Dr phil mit einer Arbeit über „Wachstum, Zins und optimale Investitionsquote". Und schon machte er — auch im Ausland — von sich reden als das „Wunderkind" unter den jungen deutschen Nationalökonomen. Mit siebenundzwanzig Jahren erreichten ihn gleich zwei ehrenvolle Rufe nach Heidelberg und Bonn. Ein Jahr später schon wollte ihn die berühmte kalifornische Stanford University -haben. Noch ein Jähr später bewarb sich das noch berühmtere Massachusetts Institute of Technology (MIT) um ihn.

Carl Christian von Weizsäcker, Jahrgang 1938, bestreitet nicht, daß sein Name seiner wissenschaftlichen Karriere nicht hinderlich im Wege stand: Als Sohn des weit über die Grenzen dieses Landes hinaus berühmten Physiker Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker geboren 2U werden, hat zweifellos seine Vorteile. Aber Carl Christian von Weizsäcker hätte es schwerlich binnen so kurzer Zeit zum Professor für Nationalökonomie gebracht, wenn er sich nur auf den Lorbeeren seiner Abstammung ausgeruht hätte. Dem jugendlichen Professor mag das ererbte „Know how" einer wissenschaftlichen Karriere in besonderem Maße zugute gekommen sein. Er war zweifellos gut beraten, als er sein Studium 1957 in Zürich begann, in GÖttingen, Hamburg und Freiburg fortsetzte und 1961 in Basel (wo man kein Diplom braucht, um zu promovieren) abschloß.

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Aber Carl Christian von Weizsäcker hat das Seinige zu dem Respekt beigetragen, den man ihm heute bezeugt. Der große Eifer, den er schon als Student an den Tag legte, indem er sich bereits im 5. Semester an eines der schwierigsten Forschungsprobleme heranmachte, hat deutliche Spuren hinterlassen. Sein ernster Blick und seine stark gelichtete Stirn beugen einer Verwechslungsgefahr mit älteren Semestern an der Heidelberger Universität wirksam vor.

Hört man sich bei seinen Kollegen oder beim wissenschaftlichen Nachwuchs nach ihm um, so fällt die Antwort fast reflexhaft aus. Mit dem Namen Weizsäcker verbindet sich beinahe automatisch das, was man die „goldene Regel der Akkumulation" in der modernen Wachstumstheorie nennt. Dieses Theorem besagt, daß beim Vergleich verschiedener Gleichgewichtspfade exponentiellen Wachstums derjenige Pfad optimal ist, dessen Wachstumsrate gleich dem Zinssatz ist — vollkommene Konkurrenz, gleiches technisches Wissen und gleiche Rate des Bevölkerungswachstums vorausgesetzt.

Zum Verständnis der Bedeutung, dje dieser „goldenen Regel" beigemessen wird, muß man wissen, daß die Frage nach der optimalen Investitionsquote die Wachstumstheorie vor einem Jahrzehnt wie kaum eine andere beschäftigt hat. Weizsäcker hatte das Glück (das auch und gerade in der wissenschaftlichen Forschung eine nicht gering zu veranschlagende Rolle spielt), sich schon als Student eines Problems anzunehmen, das sozusagen „in Mode" war. Es ist denn wohl aueh kein Zufall, daß seinerzeit gleich fünf andere Theoretiker — Allais, Desrousseaux, Phelps, Joan Robinson und Swan — unabhängig voneinander zu dem gleichen Ergebnis kamen. Carl Christian von Weizsäcker, der eine zeitliche Priorität für sich in Anspruch nehmen könnte, wenn man nicht, wie üblich, auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse abstellen würde, rückte mit seiner Dissertation sozusagen über Nacht in die Reihe der fortschrittlichsten und angesehensten Vertreter seines Faches auf.

Zum Verständnis der „Mechanik" seiner wissenschaftlichen Blitzkarriere wäre hinzuzufügen, daß Weizsäcker die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit rechtzeitig in die Sprachen zu transponieren verstand, die heute eine weltweite Kommu nikation und Approbation sichern, nämlich die Formelsprache der Mathematik und das Englische. Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes „Existence of Optimal Programs of Accumulation for an Infinite Time Horizon" in der angesehenen Zeitschrift „The Review of Economic Studies" (1965) gelang Weizsäcker endgültig der Durchbruch zu internationalem Renommee. Nimmt man diesen Aufsatz zur Hand, so glaubt man auf den ersten Blick viel eher den Beitrag zur Lösung einer komplizierten mathemathischen Aufgabe als die Erklärung einer wirt schaftswissenschaftlichen Problemstellung vor sich zu haben. Es wimmelt nur so an algebraischen Symbolen, an Differentialquotienten und Integralen.

Von Weizsäcker gilt nicht von ungefähr als einer der führenden Vertreter der mathematischen Richtung der Nationalökonomie, der Ökonometrie. Er verbringt nicht von ungefähr vier Monate des Jahres am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology, der Hochburg der amerikanischen Nationalökonomie. Die Kolleghefte seiner Heidelberger Studenten gleichen denn auch dementsprechend Schularbeitsheften für höhere Mathematik, und es findet sich darin kaum eine Zeile, die auf ein nationalökonomisches Kolleg schließen ließe. Dafür haben diese Studenten die Illusion, an der vordersten Front der Wissenschaft von der Wirtschaft zu kämpfen. Carl Christian von Weizsäcker, vielleicht der bisher gelehrigste Schüler seines Basler Lehrers und Doktorvaters Gottfried Bombach, ist der Prototyp des Theoretikers, wie er heute in der nationalökonomisdien Gelehrtenweh Ansehen genießt. Wer vor fünfzehn Jahren sein nationalökonomisches Studium abgeschlossen und nicht gerade bei Erich Schneider oder Wilhelm Kromphardt gehört hat, dem fällt es schwer, daran zu glauben, daß hier die Wissenschaft von der Wirtschaft gelehrt wird. Es sei denn, daß sich der junge Professor ausnahmsweise auf eine Diskussion über Sinn und Unsinn der Nahverkehrspolitik einläßt, wie es im Sommersemester 1969 aus Anlaß des Protests der Heidelberger Studenten gegen die geplante Fahrpreiserhöhung der Straßenbahn der Fall war.

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