20 Jahre Volksrepublik China Strategie der zwei Füße
Die chinesische Militärdoktrin kombiniert Guerillaund Atomkrieg - Warum Professor Tsien Amerika verließ
Ein hoher Beamter der nationalchiriesischen Regierung hat mir einmal in Taipei gesagt: „Als Nationalist hasse ich das kommunistische Regime Mao Tse tungs, aber als Chinese bin ich stolz auf die Fähigkeit des chinesischen Volkes, eine Atombombe zu bauen In dem soeben in deutscher Obersetzung erschienenen Buch William L. Ryan & Sam Summerlin: „Die chinesische Wolke — Hintergründe einer amerikanischen Tragödie"; aus dem Amerikanischen übertragen von Ulla Leippe; Christian Wegner Verlag, Hamburg 1969; 280 S , 20 — DM erfährt nun der Leser das Schicksal des brillanten chinesischen Atomphysikers Tsien Hsue shen, ohne dessen Hilfe die Volksrepublik China nicht so rasch vorangekommen wäre. Der Exodus des Mr. Tsien aus Amerika, einem der Hunderte chinesischer Wissenschaftler, die in den Vereinigten Staaten gelebt und geforscht haben, erweist sich als die bestürzende Konsequenz der antikommunistischen Hysterie, die von Senator McCarthy in den fünfziger Jahren entfesselt wurde.
China ist zwar aus eigener Kraft in den Besitz von Atombomben gelangt, hätte aber ohne die Vorleistung amerikanischer Wissenschaftler und die Mithilfe der Russen nicht in einer so kurzen Zeitspanne zur Nuklearmacht werden können. Bereits vor dem Kriegsende waren viele Chinesen an den amerikanischen Hochschulen von Pasadena bis Cambridge, von Princeton bis Berkeley als hervorragende Fachleute bekannt. Die meisten von ihnen, die mit sogenannten Boxer Stipendien (Entschädigungen aus dem Boxer Aufstand) in Amerika studiert hatten, blieben zunächst noch dort, als China 1949 kommunistisch wurde. Tsien entschloß sich, amerikanischer Staatsbürger zu werden und ging als Professor für Düsenantriebswesen nach Kalifornien. Sein besonderes 1 Interesse galt den Möglichkeiten des Atomantriebs. Tsien und andere hochqualifizierte chinesische Wissenschaftler hätten Amerika wohl kaum verlassen und für das kommunistische Regime in China gearbeitet, wären sie nicht durch die Hexenjagd McCarthys vertrieben worden. Ryan und Summerlin übersehen dabei keineswegs, daß der Stolz der Chinesen und ihre Heimatverbundenheit den Entschluß zur Auswanderung erleichterten. Zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten in Korea gegen China kämpften, bedeutete die Tätigkeit chinesischer Wissenschaftler in Schlüsselpositionen der Rüstungsforschung allerdings ein Sicherheitsrisiko, das der Geheimdienst nicht ignorieren konnte. Man braucht sich dabei nur an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern, als Tausende von harmlosen Japanern amerikanischer Staatsangehörigkeit in kalifornischen Konzentrationslagern interniert wurden.
Die Reportage der beiden Journalisten von der eigentlich das Sicherheitsrisiko ist, das eingewanderte Wissenschaftler für ein hochindustrialisiertes Land darstellen? Besonders die Deutschen, deren Wissenschaftler in Großbritannien und Amerika einen entscheidenden Initialbeitrag zur Atomforschung geleistet haben und von denen auch heute noch eine nicht geringe Anzahl in die Vereinigten Staaten auswandert, mag dieses Buch nachdenklich stimmen.
Die Russen, die in den fünfziger Jahren etwa 950 chinesische Spezialisten in ihrem Atomforschungszentrum Dubna ausgebildet hatten, fühlen sich heute von der chinesischen Atombombe wie von einem Bumerang bedroht, zumal die Chinesen ihre Atomforschung trotz Kulturrevolution und hoher Kosten keineswegs vernachlässigen. Die Kosten sollten dabei nicht übertrieben werden. Sie dürften heute etwa drei Prozent des chinesischen Bruttosozialprodukts betragen.
Die Kernfrage ist: Was will China mit der Bombe? Als Aufklärungsmaterial kann ich dazu empfehlen: Helmut Dahm: „Abschreckung oder Volkskrieg — Strategische Machtplanung der Sowjetunion und Chinas im internationalen Kräfteverhältnis"; Walter Verlag, Ölten und Freiburg 1968; 415 S, 32 — DM.
Es handelt sich um eine äußerst sorgfältige, wenn auch ziemlich trockene Darstellung der sowjetischen und der chinesischen Militärdoktrin. Fast die Hälfte des Buches wird von vier wertvollen Dokumenten eingenommen. Während die Sowjets es für möglich halten, daß auch ein revolutionärer „kleiner Krieg" schließlich in einen Atomkrieg münden kann, neigen die Chinesen dazu, die Bedeutung der Atombombe in einem Volkskrieg eher zu niedrig („Papiertiger") als zu hoch einzuschätzen.
Vietnam ist hier ein Testfall. Die russische Strategie will eine Ausweitung des „Befreiungskrieges" zu einem weltweiten — möglicherweise nuklearen — Krieg unbedingt vermeiden. China aber hält eine solche Ausweitung überhaupt für ausgeschlossen. Da die Sowjets aber von ihrer Ideologie her ebenfalls nationale Befreiungskriege, also „kleine" oder „begrenzte" Kriege, unterstützen, liegt der Widerspruch auf der Hand. Die Chinesen sind da strategisch und ideologisch konsequenter; sie können es sich politisch leisten, der Sowjetunion vorzuwerfen, sie verrate in Vietnam die Sache der sozialistischen Revolution und des Weltkommunismus. Der sowjetischen Militärdoktrin, die durch massive atomare Abschreckung einen größeren Krieg verhindern will, steht die chinesische These gegenüber, daß gerade die Volkskriegsstrategie jede nukleare Drohung nutzlos mache. Dahin weist allerdings darauf hin, daß der noch relativ niedrige Stand der chinesischen Atomrüstung diese These von der Überlegenheit des Volkskrieges geradezu erzwingt. Merkwürdigerweise hat die chinesische Presse in den letzten Monaten nicht nur die Volkskriegstheorie Lin Piaos besungen, sondern auch von der Möglichkeit eines Nuklearkrieges gesprochen. Es scheint sich also jene „Zwei Füße Strategie" herauszuschälen, die sich sowohl auf den Volkskrieg als auch auf Kernwaffen stützt.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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