Ungeheure Verantwortung
Die einen mögens bewundern, die anderen, mags vor Neid erblassen lassen: Was Karajan anpackt, hat System, ist klug durchdacht, großzügig angelegt und doppelbödig abgesichert; künstlerisch (dafür garantiert er selbst) und finanziell (dafür findet er Mäzene). Im vergangenen Jahr nun machte Karajan in einer Pressekonferenz in der Berliner Philharmonie die Welt mit einem neuen Vorhaben bekannt, mit einer Stiftung, die seinen Namen tragen und über musikpraktische und phänomenologische Aspekte der Musik Auskunft geben sollte. Der erste Sprößling dieser Unternehmung war der Internationale Dirigenten Wettbewerb, der vom 18 bis 28. September in Berlin abgehalten wurde und zu dem sich 348 Dirigenten — im vorgeschriebenen Alter von 20 bis 35 Jahren — aus allen Teilen der Welt beworben hatten, von denen jedoch nur 35 zur Teilnahme eingeladen werden konnten.
Auch hier zeigte sich wieder Karajans klare Konzeption: Er berief eine Jury, die das Auswahlverfahren nach optimalen künstlerischen Gesichtspunkten absicherte. Sie enthielt Dirigenten, Komponisten, Kritiker und — was heute nicht mehr auszuschließen ist — Experten der Schallplattenbranche. Sie gehörten neun verschiedenen Ländern an.
Unterstützt wurde dieser Wettstreit „zur Förderung junger begabter Dirigenten" durch den Berliner Senat, das Berliner Philharmonische Orchester, die Berliner Bank — laut Programm — und die Deutsche Grammophon Gesellschaft (bei der der Stifter seit 1964 exklusiv unter Vertrag steht). Dem Vernehmen nach soll die Firma Siemens, der die DGG angehört, 50 000 Mark und der. Maestro selbst 100000 Mark zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt haben. Hinzu kommen die Obertragungssummen für Funk und Fernsehen.
Mit 50 Mark, besten Berufszeugnissen und den entsprechenden Empfehlungsschreiben war man jedenfalls dabei: je 5 Teilnehmer kamen aus der CSSR und Deutschland, 4 aus Ungarn, je 3 aus Brasilien, der Schweiz und Österreich, je 2 aus der UdSSR, aus Frankreich und England und schließlich je einer aus Nordamerika, Kanada, Belgien, Bulgarien, Spanien und Finnland. Als Belohnung winkten dem ersten Preisträger die „Herbert von Karajan Goldmedaille" und ein Geldpreis in Höhe von 10 000. Mark — womit der Gewinner, der junge Finne Okko Kamu, zunächst einmal seine Schulden abbezahlen will —, dazu ein Vertrag als Assistent bei Karajan, ein Konzert mit dem Berliner Philharmonischen Orchester, ferner ein Konzert in einem repräsentativen Zyklus mit der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, sowie ein Konzert bei MIDEMUNESCO in Cannes und ein Produktionsvertrag bei der DGG.
ren schon die Einsicht vorausgegangen, daß sich veranstalten inzwischen viele Städte Festspiele. Die großen Regisseure, die großen Namen tauchen bei den Berliner Festwochen ebenso auf wie bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen großen Städten.
Etat von rund einer Million. Das ist im Verhältnis zu den Haushalten der drei großen Berliner Institutionen Schiller Theater, Deutsche Oper und Philharmonisches Orchester wenig. Auf die Programme dieser drei Institute hat der Festwochen Direktor eigentlich nur eine EinflußmögDas Verfahren selbst rollte nach vielbewährter sportlicher Regel ab: mit Vorrunde, Zwischenrunde, Semifinale, Finale intern und extern, mit dem während der ganzen Veranstaltung vormittags und nachmittags je drei Stunden verfügbaren Radio Sinfonieorchester, und Schlußkonzert mit den Berliner Philharmonikern bei Live Übertragung in Rundfunk und Fernsehen.
Karajan selbst trat weder pädagogisch noch als Jurymitglied bei diesem Wettbewerb in Erscheinung, er informierte sich nur sporadisch, war aber gegen Ende natürlich mitentscheidender Berater.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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