Warum ich trotzdem ruhig schlafe

Werbung zu machen ist heute nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allen: auch ein intellektuelles Risiko. Man steht, wie es in der Sprache des SDS heißen würde, als Verber im Dienst und im Sold eines ausbeuterischen Produktionsmonopols.

Ich muß mir als „geheimer Verführer" den Vorwurf anhören, daß ich den Konsumtenor des Spät- oder Neokapitalismus, indem wir zu leben das Vergnügen oder Mißvergnügen haben, mit meinem Tun unterstütze.

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Es ist in der Tat kaum zu glauben, welcher Sprache und welcher Ausdrucksmittel sich ansonsten vernünftige Menschen bedienen, u n mit dem „Weißen Riesen" Waschmittel, mit dem „Duft der großen weiten Welt" Zigaretten und mit dem „Söhnlein von Söhnlein" Sekt zu propagieren.

Problematischer noch als für diese Markenartikel der Konsumgüterindustrie ist es, für Veranstaltungen der Bewußtseinsindustrie zu werben. Während der Markenartikel ein ehrliches Instrument zur Steuerung unseres Konsurnverhaltens ist, werden wir durch die Manipulationen des „Kulturestablishments" über die Unwirdigkeit gerade dieses Verhaltens hinweggetäuscht: mit Beethoven, Dürrenmatt und Op art. Denn welchen anderen Zweck verfolgen — nach Herbert Marcuse — Konzerte, Theater, Ausstellungen, der ganze affirmative Kulturbetrieb, als den, den wahren Zustand nicht nur unserer geistigen und seelischen Verfassung, sondern auch uiserer materiellen Existenz im wörtlichen Sinn zu beschönigen? Und gerade darin, daß das Establishment auch Kritik gegen sich toleriert, daß es das living Theater gewähren läßt, und einen Autor wie Cohn Bendit verlegt, zeigt sich sein Zynismus: es macht aus Kritik und aus der Aufforderung zur Revolution käufliche Ware — die zu allem Überfluß noch mittels Plakaten propagiert wird. Dies ist kein Geständnis. Ich gebe vielmelr die Vorwürfe wieder, die ich (oft genug) gegenüber der Werbung zu hören bekomme.

Noch riskanter, als Werbung zu machen, ist es, darüber zu reden. Denn auch wenn ich Werber bin, habe ich nicht die Werbung schlechthin zu vertreten öder gar zu verteidigen. Ich fühle mich frei, meinem Tun gegenüber kritische Gedsnken zu haben. Auch der Atomphysiker — und selbst der professionelle Kritiker des Systems — ieder, der sich in einer Sache engagiert, ohne Fachidiot zu sein, befindet sich in der Lage des Büchsenmachers: er freut sich über sein schönes Schießgewehr — und kommt nicht darum herum, über seine Zweckbestimmung zu reflektieren Am Ende könnte es eine andere Zielrichtung haben als eine Schützenscheibe.

Man sollte offen reden. Dabei fürchte ich den Beifall von der falschen Seite viel mehr als die. Diskussion mit Widersachern. Leider hat sich diese Diskussion heute derart vergröbert, daß die Kriterien schwarz weiß geworden sind. Das heißt: eine Diskussion gibt es gar nicht mehr. Man sagt sich die — vorgefertigten — Meinungen, die von Mal zu Mal „steiler" werden Es scheint gegenüber solcher Schwarz Weiß Malerei an der Zeit, ein wenig zu differenzieren. Ich werde oft gefragt, wie ich es als Werber mit der Moral halte und wie ich es fertigbringe, trotz meiner Tätigkeit ruhig zu schlafen? Ich könnte mir die Antwort leicht machen und sagen: für kein Honorar lasse ich mich in den Dienst der NPD stellen. Oder sagen: unsere Agentur hat es abgelehnt, für ein großes Verlagshaus zu werben, als es noch nicht Mode war, seine Scheiben einzuwerfen. Aber das sind Extreme, Randerscheinungen; weniger eine Frage der Moral als des Geschmacks.

Schwieriger wird die Antwort, wenn es um zentrale Probleme geht, in die man unmittelbar verstrickt ist, und die mangels Distanz schwer zu gewichten sind.

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