Wer ist krank, wer gesund?

Zwei Werke einer neuen Wissenschaft: die Sozialpsychiatrie Yon Hans Kriearei

Ob es sich nun um eine echte Zunah ne psychischer Erkrankungen handelt oder ob nur eine Verlagerung des medizinischen Interesses und ein geschärftes Instrumentarium cer Beobachtung uns klarer erkennen läßt, was frür er unbeachtet blieb — Tatsache ist, daß psychosoz;al bedingte Krankheitsbilder, mit körperlichem Symptom oder ohne, heute einen erheblichen Tal des täglichen Arbeitsanfalls eines durchschnittlichen praktischen Arztes ausmachen.

Das scheint in allen Industrieländern so lu sein. Für den deutschen Sprachraum bringt dafir Hans Strotzka: „Kleinburg — Eine sozblpsychiatrische Feldstudie"; österreichischer Bundesverlag, WienMünchen; ISO Seiteti, 31 50 DM erstmals den exakten empirischen Nachweis durch sorgfältiges Studium einer Landpraxis in einsr kleinen österreichischen Industriestadt. Wem fünfzehn Prozent der untersuchten Patienten in klar definierten psychiatrischen Störungen leidm und der praktische Arzt diesem Patientenkreis etwa ein Viertel seiner Gesamtarbeitszeit widmen muß, so erhebt sich notgedrungen die Frage, wieweit dieser für eine solche Aufgabe überhaupt gerüstet ist. Es gibt, wie F. C. Redlich, Dekan der Medical Schoot der Yak Universität (USA), in seinem Geleitwort schreibt, „kaum medizinische Fakultäten irgendwo auf der Welt, die einen systematischen Unterricht bieten, der darauf vorbereitet, eine solche Arbeit mit Kompetent, Interesse und Befriedigung ausführen zu können. Die Forderung nach Reform des Medizlostudiums mit Einführung von medizinischer Psychologie und Soziologie schon im vorklinischen Abschnitt zählt daher zu den wichtigste! praktischen Folgerungen, die Strotzka aus den Ergebnissen seiner Untersuchung ableitet. Einer nochmaligen Absicherung durch empirische Detailbefunde hätte diese Forderung für den Einsichtigen freilich so wenig bedurft wie die weiteren nach Errichtung psychohygienischer Zentrei in allen größeren Städten, nach Einführung psychohygienischer Gesichtspunkte in die Arbei: von Schule und Seelsorge, Fürsorgedienst und Kommunalpolitik und nach Umorientierung der Sozialversicherung vom Versorgvmgsdenken zurr. Rehabilitationsprinzip: „Daß heute noch Erholungsheime und Jttberkuloseheilstätten gebaut werden, statt Psychotherapeuten einzustellen una die psychiatrische Fürsorge zu verbessern, ist So sehr Strotzka und seine Mitarbeiter sich freilich -um: eine soziologische. Beschreibung ihres Untersuchungsfeldes als sozialen Wirkungsgefüges bemühen, so bleibt dodv etwas ungewiß, welche Rolle dessen Faktoren und Strukturen für das psychische Wohlbefinden im einzelnen tatsächlich spielen.

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Einigermaßen klar ist die Bedeutung der Familie; nebenbei wird der Mythos von der seelischen Gesundheit der bäuerlichen Bevölkerung abserviert, ohne daß die Gründe für die im Gegenteil erhöhte psychische Anfälligkeit des Dorfbewohners schon sichtbar wäre.

Welche psychiatrisch relevanten Schlußfolgerungen aber lassen sich daraus ziehen, daß in einem patriarchalisch, geführten Betrieb trotz ungünstiger Arbeitsbedingungen der Krankenstand niedriger ist als in einem relativ modernen Großbetrieb, der gut zahlt, soziale Vergünstigungen bietet, aber seine Leute einer kleinlichen Kontrolle unterwirft? "Welcher Art ist die statistisch faßbare Korrelation zwischen psychischer Labilität und politischem Radikalismus? Welche sozialintegrative Funktion erfüllt konkret das Vereinsleben? Genaues, Theoretisierbares ist der Studie kaum zu entnehmen.

Sozialpsychiatrie hat es mit dem kranken. Menschen als Glied eines Sozialverbandes zu tun, ihr Gegenstand ist die Bedeutung sozialer Faktoren für Entstehung, Verlauf und Ausgang psychischer Störungen. Daß es dabei auch die Struktur des Sozialverbandes selber auf seine möglicherweise pathogene Rolle zu untersuchen gilt, ist spätestens seit den Erfahrungen des Dritten Reiches als Aufgabe sichtbar. Das Umkippen wohlangepaßter Bürgerlichkeit in destruktiven Kollektivwahn macht den Bezugsrahmen unsicher, innerhalb dessen psychische Krankheit und Gesundheit bestimmbar werden, und stellt die Verläßlichkeit einer im engeren Beziehungsgefüge scheinbar geglückten psychosozialen Integration und emotionalen Sicherheit in Frage, Wie wir aus der vergleichenden Kulturanthropologie wissen, ist innerhalb eines neurotisierten Kollektivs die individuelle Neurose, bleibt sie nur systemkonform, das Normale.

In welches Dilemma die Sozialpsychiatrie hier gerät, ist dem einleitenden Aufsatz von Max P. Erigelmeier über „Psychiatrie als soziale Aufgabe" in dem Sammelband „Sozialpsychiatrie", herausgegeben von N. Petrilowitsch und H. Flegel; S. Karger Verlag, BaselAtlantis Verlag, Freiburg; 2 Bands, 205 und 170 S , 54 — und 45 — DM zu entnehmen. Mit dem Argument, daß Psychiatrie als eine auch soziale Wissenschaft noch lange nicht Wissenschaft vom Sozialen, sei, wehr t sich Engelmeier gegen das Ansinnen einer öffentlichen Funktion des Psychiaters, in deren Namen er quasi „an das Krankenbett der Epoche" gerufen werde. Solche methodenbewußte Zurückhaltung ist löblich, solange für „seelische Gesundheit" — ein Begriff, der kaum allein medizinisch zu bestimmen ist — letztlich gültige, transkulturell anwendbare Kriterien fehlen (epidemiologische Untersuchungen wie die von Strotzka behelfen sich mit dem pragmatischen Kriterium der Behandlungsbedürftigkeit, was zwar offenbar praktikabel, aber gleichwohl ein logischer Zirkel ist). Dennoch bleibt es unabweisbare Notwendigkeit, die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten zunehmend auch unter psychiatrischen, odersagen wir vorsichtiger: psychohygienischen Gesichtspunkten zu reflektieren und notfalls zu verändern und das dafür erforderliche methodische Instrumentarium zu entwickeln.

Einstweilen ist freilich in einem viel elementareren Sinne Psychiatrie als soziale Aufgabe bewußt zu machen. Noch immer stößt der psychisch Kranke in seiner Umgebung auf Angst und Ablehnung und verfällt sozialer Ächtung, noch immer ist das Maß an Hilfen, das die Gesellschaft für ihre seelisch gestörten Mitglieder bereithält, für eine Kuhurnation beschämend. Daß dies eine Herausforderung nicht nur an unsere mitmenschliche Solidarität bedeutet, sondern auch an unsere Fähigkeit, mit dem Dunkeln in uns selber umzugehen, das uns im kranken Mitmenschen in die Außenwelt projiziert begegnet, ist dem Aufsatz von Engelmeier als beherzigenswerte Mahnung zu entnehmen. Die beiden Bände „Sozialpsychiatrie" sind weder ein Kompendium noch eine allgemeine Einführung. Sie beleuchten punktuell in Einzelbeiträgen von unterschiedlichem Gewicht einige theoretische und praktische Probleme einer jungen, in ihren) wissenschaftstheoretischen Standort noch ungesicherten Disziplin. Ein interessanter, praktisch höchst bedeutsamer Beitrag über rehabilitierende Arbeitstherapie am Arbeitsplatz kommt aus Dresden. Das damit berührte Problem unserer Bereitschaft, vom anderen Deutschland zu lernen, könnte fast selbst schon ein sozialpsychiatrisches Thema sein.

 
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