Zur Spekulation verdammt - Zellwald-Aktionäre
Hermann D. Krages, seit 1969 Mehrheitsaktionär der Zellstofffabrik Waldhof, Mannheim, hat erstmals zu erkennen gegeben, daß er unter gewissen Voraussetzungen bereit ist, sein Zellwald Paket wieder zu veräußern. Wer Krages kennt, dem war von vornherein klar, daß er niemals die Mühsal auf sich nehmen würde, in einer so schwierigen Branche, wie es nun einmal die Zellstoffindustrie ist, unternehmerisch tätig zu werden. Krages will an Aktien und nicht an Zellstoff verdienen.
Das scheint ihm zu glücken. Denn die Bayerische Hypotheken- und Wechsel Bank, München, leidgeprüfter Großaktionär der Aschaffenburger Zellstoffwerke AG, Aschaffenburg, hat sich das Krages Paket „an die Hand" geben lassen. Innerhalb von vier Wochen will die Bank prüfen, ob mit dem Paket ein großer deutscher Zellstoffund Papierkonzern geschaffen werden kann. Ziel der Bank ist es, Zellwald mit Aschzell zu vereinen.
Nun ist Krages ein alter Verhandlungsfuchs. Sofort ließ er durchblicken, daß die bayerische Bank nicht die einzige Interessentin für sein Zellwald Paket ist. Neben finnischen Unternehmen wollen angeblich noch zwei US Konzerne das Paket kaufen wollen. Angeblich soll Krages es vorziehen, „Zellwald nicht in ausländische Hände fallen zu lassen". Allerdings ist auch Aschzell nicht mehr lupenrein deutsch. 20 Prozent des Aschzell Kapitals liegen bei Svenska Cellulose AB (SCA). Dieser Anteil soll- sich bis Ende 1970 auf 34 Prozent erhöhen. Danach wird die Bayerische Hypotheken- und Wechsel Bank nur noch eine Schachtel bei Aschzell besitzen. Doch soll uns das Problem Aschzell heute nicht weiter interessieren. Beachten Sie bitte aber eines, meine verehrten Leser: Mit einer Fusion braucht nicht notwendigerweise eine Abfindung der freien Aschzell- oder Zellwald Aktionäre verbunden zu sein.
Es interessiert aber sicherlich, was Krages für sein Zellwald Paket erhalten soll. Anton Ernstberger, der Sprecher der Münchener Bank, will darüber im Detail nicht sprechen. Dennoch gibt es exakte Vorstellungen. Man will Krages einen Kurs anbieten, der dem Durchschnittskurs der Zellwald Aktie für die letzten 12 Monate entspricht. Dazu käme dann noch ein angemessener Paketzuschlag. Zur Debatte stehen 52 bis 53 Prozent des 78 Millionen Mark betragenden Zellwald Kapitals. Geht man von einem Durchschnittskurs von etwa 245 Mark aus, so müßte die Bank einschließlich Paketaufschlag wohl rund 110 Millionen Mark auf das Schweizer Konto von Hermann D. Krages überweisen. Das ist ein Brocken, bei dem selbst eine so potente Bank wie die Bayerische Hypotheken- und Wechsel Bank einmal tief Luft holen muß. Aber sie will das Paket ja nicht voll behalten, sondern an die Mitaktionäre bei Aschzell, an die Schweden und an die Bayerische Landesanstalt für Aufbaufi ianzierung (LFA), München, wenigstens teilweise weitergeben. Ob das möglich ist, versucht Emstberger zur Zeit zu klären.
Was sollen nun die Zellwald Aktionäre in dieser Situation tun? Zunächst müssen sie sich über den Wert ihrer Aktie klarwerden, wenn man ihn vom Ertrag her ermittelt. Die Schätzungen über den Gewinn je Aktie im Jahre 1968 gehen weit auseinander. Die Verwaltung selbst errechnet ihn auf 13 oder 17 Mark, je nach Methode. Die Banken sind vorsichtiger, sie geben ihn mit etwa 12 Mark je 100 Mark Aktie an.
Halten wir uns, meine verehrten Leser, als vorsichtige Leute an die 12 Mark der Banken. Bei einem Kurs von heute rund 290 Mark ergibt sich ein Kurs Gewinn Verhältnis von etwas mehi als 24. Als normal gilt bei uns in der Bundesrepublik 12 bis 16. Die Zellwald Aktie ist d:mnach erheblich überbewertet.
Dies um so mehr, als in nächster Zeit keine Aussicht besteht, daß Zellwald Gewinne erwirtsclaften kann, die ein so extrem hohes KursVGewinnVerhältnis rechtfertigen würden. Ohne Zweifel hat das Mannheimer Unternehmen die ginz schlechten Jahre hinter sich, aber zu einer Goldgrube ist es sicherlich noch nicht gediehen. Nun ist der 1968er Gewinn von Zellwald zu einer umstrittenen Sache geworden. Auf der im Juli abgehaltenen Hauptversammlung hat die Verwaltung zugegeben, daß sie nicht alle steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten genutzt hat und daß auch nicht alle Möglichkeiten, durch Zuweisung zu den Pensionsrückstellungen Steuern zu sparen, ausgeschöpft worden sind. Um eine. Dividende von 6 Prozent ausschütten zu können, ist man diesen „teuren" Weg gegangen.
- Datum 03.10.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.10.1969 Nr. 40
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