Verdrängt, versteckt, übergangen: In den meisten Wohnungen bleibt für Kinder nur eine Ecke im Grundriß übrig. In Stuttgart gibt es ein fast rühmenswertes Gegenbeispiel

Wenn schon intelligente Menschen davor kapitulieren und das so hemmungslos bekennen wie die Fünf in Mathe – soll man dann „Laien“ überhaupt zumuten, sich einen Grundriß anzusehen: einen Grundriß? Soll man annehmen, sie führen darauf mit dem Zeigefinger umher, um sozusagen abstrakt zu, ertasten, wie man konkret darin wohnen kann?

Man soll! Wie sonst würde man auf gewisse Symptome aufmerksam, die unsere Gesellschaft kennzeichnen, die vor allem aber Mitgliedern dieser Gesellschaft schaden? Es ist die Rede von Kinderzimmern, man kann sogar generalisierend sagen: von Deutschlands Kinderzimmern; sie; sehen sich, sofern sie überhaupt vorhanden sind, schrecklich ähnlich.

Beispiel ist hier, obwohl es gar nicht sein müßte, der „Hannibal“, ein Gebäudekomplex „vor den Toren“ Stuttgarts, aber in seiner baupolitischen Wirkung nun schon lange nicht mehr gefährlich ad portas drängend. Es geht um das beinahe rühmenswerte Unternehmen, an Familien nicht starr und ein für allemal aufgeteilte Wohnungen als Eigentum zu verkaufen, sondern buchstäblich nur die vier Wände, innerhalb deren sie sich die ihnen passenden Grundrisse anpassen lassen können.

Im Asemwald also, weit draußen und dennoch nur sechs Kilometer vom Stadtzentrum der baden-württembergischen Hauptstadt entfernt, entstehen zur Zeit drei Häuserblöcke von (auch nach Le Corbusier) gewaltigen Ausmaßen, die „Hannibal“-Überbleibsel. Sie bilden keine „Wohnstadt“, wie die einen behaupten, eher einen ausgesetzten „Stadtteil“, wie andere das lieber genannt wüßten; eigentlich handelt es sich nur um 1143 Eigentumswohnungen von 41 bis 155 Quadratmetern Größe, die von einigen zusätzlichen Einrichtungen ergänzt werden: Kindergarten, Spiel-, Bolz- und Sportplätze, Supermarkt, und dann gibt es noch ein Dachschwimmbad und ein Dachterrassenrestaurant. Ungefähr 3600 Menschen werden hier wohnen.

Als der Superlativ vor zehn Jahren geboren und der plakative Name „Hannibal“ als gebrauchstüchtige Metapher gefunden wurde, war das vor allem ein Ärgernis. Der „Hannibal“ der Architekten Otto Jäger und Werner Müller war eine realisierbare Protesthandlung gegen die landfressende Wohnungsbaupolitik mit Einfamilienhäusern. Ihr Vorschlag zog augenblicklich Gegenproteste auf sich. Das ursprünglich fünfzig Meter hohe, über einen halben Kilometer lange Betonbrett für rund viertausend Menschen wurde als unmenschlich, ja menschenverachtend verdammt, von Vermassung war die Rede und von Entindividualisierung, sogar gesundheitsschädigend sollte das Wohnen darin sein.

Immerhin, der vielstöckige Riese wurde daraufhin im stumpfen Winkel geknickt, dann halbiert, schließlich gedreiteilt; so entsteht er nun.