Von Karl-Heinz Wocker

Den Tod des polnischen Generals Sikorski aufklären zu wollen, ist eine Aufgabe, die den Historiker reizen muß. Die britischen „Liberator“-Maschinen amerikanischer Bauart fielen normalerweise nicht vom Himmel wie die Starfighter, und die Umstände jenes nächtlichen Starts in Gibraltar wimmeln von Hinweisen darauf, daß vieles nicht war, wie es hätte sein müssen. Der englische Historiker David Irving und der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth sind die Hauptvertreter der These, daß es beim Absturz von Sikorskis Flugzeug nicht mit rechten Dingen zuging. Irvings Buch „Accident“, 1967 erschienen (siehe ZEIT Nr. 43/67), widerlegte diesen Titel, soweit es die britischen Beleidigungsgesetze und der vor ihnen zitternde Verleger zuließen. Irving ist von einem Sabotageakt überzeugt. Hochhuth will darüber hinaus sogar einen unumstößlichen Beweis gesehen und in einer Schweizer Bank deponiert haben, daß dieser Sabotageakt vom damaligen Kriegspremier Winston Churchill wo nicht angestiftet, so doch gebilligt worden ist. All dies hat das Rätsel nicht gelöst, eher vergrößert.

Noch bevor David Irving seine gereinigte, anderen Zivilgesetzen unterstehende deutsche Version unter einem viel deutlicheren Titel veröffentlicht hatte, war den beiden Sabotagegläubigen ein seltsamer Gegner erwachsen, den sie zunächst im eigenen Lager glaubten. Der Schauspieler und Autor Carlos Thompson – in Deutschland am ehesten bekannt als Mann der Lilli Palmer – hat mit sehr viel Zeit, Phantasie, Umsicht und Geld untersucht, ob dem Tod Sikorskis nicht doch genauer auf die Spur zu kommen sei. Der Bericht seiner Reisen, Interviews und Schriftwechsel ist jetzt in England erschienen:

Carlos Thompson: „The Assassination of Winston Churchill“; Verlag Colin Smythe, London 1969; 461 Seiten, 63 shillings.

Der Titel enthält die Gegenthese zu Irving und Hochhuth: Sikorski kam durch einen Unfall ums Leben, und Churchill ist deshalb das unschuldige Opfer eines Rufmords. Ein faszinierendes Buch, denn es spielt auf zwei Ebenen, umfaßt zwei Personenkreise: die überlebenden Zeugen von damals und die Schar der Interessierten von heute. So ungern jene reden, so eifrig produzieren sich diese. Thompson berichtet in der Ich-Form. Man erfährt nicht nur, was er herausfand, sondern auch, wie er es anstellte. Oft ist das wie der Auftritt eines Schauspielers, der den Hamlet gibt, aber auch gleich dazu sagt, wie er die einzelnen Teile der Rolle memoriert hat: Historiographie als Exhibitionismus,

Damit paßt er sich freilich nur bestimmten Seiten seiner Gegner an. Und Gegner sind sie geworden, die anfänglichen Freunde. Das umfangreichste der 63 Kurzkapitel schildert eine Fahrt, die Thompson und Hochhuth durch Berlin unternehmen. Der Wagen ist von einem Filmtechniker in ein rollendes Aufnahmestudio verwandelt worden, mit Mikrophonen und Tonbändern. Hochhuth hat davon natürlich keine Ahnung, obwohl er in Thompsons Schilderung als von einem geradezu hysterischen Verfolgungswahn befallen erscheint, nie ohne Begleiter durch die Berliner Straße geht und hinter jedem Londoner Baum einen Kidnapper wittert.

Thompson empfand so wenig Skrupel, Hochhuths Berliner Bekenntnisse heimlich auf Band zu nehmen (und dem Leser auf dreißig Seiten mitzuteilen) wie etwa Irving, der eine Telephonunterhaltung mit dem überlebenden Piloten der Maschine Sikorskis mitschnitt. Diesen Piloten besuchte Thompson in Kalifornien, wie er überhaupt den blanken Neid Irvings – den er nicht ausstellen kann – erregt haben wird durch die Vielzahl seiner Reisen, Kontakte und Entdeckung gen. Als ein rücksichtsloser Reporter hat Thompson ganze Arbeit geleistet. Als Mitglied des „Jet-Set“ bekam er Zugang zu Leuten, die Irving als lästigen Spürhund mieden oder kurz abfertigten. Nicht alle sind wichtig für die eigentliche Frage.

Es ist eine widerliche Wahrheitsfindung. Sie alle stehen auf dem Duzfuß, Rolf und Carlos mit Ken und Larry, aber man glaubt die Messer zu sehen, die sie hinterm Rücken halten, während sie sich die Hand geben. Auf Kosten Sikorskis und Churchills spielen sie ihren Ehrgeiz als Mantel- und Degenstück aus. Den andern zu widerlegen oder zu übertölpeln ist wichtiger, als neue Tatsachen aufzuspüren. Wenn Thompson etwas findet, was Hochhuth und Irving nicht fanden, so schreibt er dem allein deshalb schon einen höheren Grad von Wahrscheinlichkeit zu.

Während also Thompson alles tut, um Hochhuths „Wahnvorstellung“ zu zerstören – und allein die Fülle des von ihm gesammelten Materials an wörtlichen Äußerungen wird kein wirklicher Historiker missen mögen, wie suspekt auch die Arbeitsmethoden waren –, hat Irving in der deutschen Fassung seines Buches

David Irving: „Moskaus Staatsräson? Sikorski und Churchill – eine tragische Allianz“; Rütten & Loening, München 1969; ca. 288 Seiten, ca. 19,80 DM.

nun wieder vollen Kurs auf die Sabotagethese genommen.„Positive Beweise für ein Attentat liegen zwar, nicht vor“, schreibt er im völlig umgearbeiteten Schlußkapitel (das sein britischer Verleger seinerzeit durch Einfügungen abänderte), „wohl aber eindeutige Anhaltspunkte.“

Im Gegensatz zur englischen Fassung, worin er die Rolle des Piloten Prchal offenläßt und sich zu dessen Entlastung mehr oder weniger auf den völlig unzulänglichen Untersuchungsausschuß stützt, den die Royal Air Force nach dem Absturz eingesetzt hatte, entlastet ihn Irving nunmehr vollkommen (worin er mit Thompson übereinstimmt). Selbst das umfangreiche Schmuggelgut, das Prchal an Bord hatte, sei nicht ausreichend für eine fahrlässige Überbelastung der Maschine gewesen. Wohl aber hätte jemand, der Kenntnis von diesen Nahrungsmittelsäcken besaß, zum Beispiel durch Vollpumpen aller Reservetanks den „Liberator“ über die zulässige Gewichtsgrenze bringen können – eine der unverfänglichsten Formen von Sabotage. „Auf welche Weise das Attentat vorbereitet und durchgeführt wurde, bedarf allerdings noch der Klärung“, sagt Irving, und er entschuldigt das Fehlen eines eindeutigen Beweises: „Wie der Leser einsehen wird, sind die Schwierigkeiten, nach mehr als einem Vierteljahrhundert die Wahrheit über einen geheimnisvollen Unglücksfall aufzudecken, so gut wie unüberwindlich.“

So lange aber wird niemand warten mögen. Doch mag es Neues zu Sikorski schon 1973 geben, wenn die Dreißigjahresfrist abläuft, innerhalb deren die britische Regierung ihre Akten zurückhält. Darauf ist freilich kein Verlaß. Erstens können Papiere verschwinden; wenn man Churchill auch nicht gleich die Beseitigung eines lästigen Verbündeten zumuten wird, so doch sicher das Entfernen von Unterlagen, die so aussehen könnten, als habe er eine Ahnung davon gehabt. Zweitens ist nicht anzunehmen, daß in einem Sabotagefall irgendeine schriftliche Unterlage überhaupt je existiert hat.

Vielleicht rüsten aber auch die Spanier, wenn sie Gibraltar zurückgewinnen, wobei ihnen Stalins Nachfahren eifrig sekundieren, eine Unterwasser-Expedition aus und fördern den Nachweis eines infamen britischen Sabotageakts aus dem Boden des Mittelmeeres zutage. Die Absturzstelle befindet sich 640 Meter vom Ende des Rollfeldes entfernt – das ist so ziemlich das einzige, was man mit Sicherheit über den „Liberator“ weiß, nachdem er vom Boden abgehoben hatte.