Vor behäbigen Landgasthöfen kann man zuweilen einen Koch aus Pappe sehen, der mit feisten Wangen und dickem Bauch die Güte der Speisekarte symbolisieren soll. Die guten Wirte auf dem Lande – sie wissen’s halt noch nicht, daß sich Eßbehagen nicht mehr im Doppelkinn manifestiert, daß nicht der korpulente, sondern der "drahtige" Mensch zum Leitbild geworden ist.

Es ist wohl zwecklos, gesunde Ernährung dort zu suchen, wo mit dem Bauch, nicht mit dem Hirn gekocht wird. Aber wie ist’s an den Stätten, die sich – ausgewiesen durch ein "Bad" im Ortsnamen – der Gesundheit verschrieben haben? Dort festigt man die Gesundheit zwar fleißig mit "ortsspezifischen" Mitteln: Klima, Wasser, körperliche Bewegung; aber exemplarische Ernährung, die wesentlicher Teil einer Therapie sein müßte, findet man entweder nur in geschlossenen Anstalten (beileibe nicht in allen) oder in Form spezieller Diät oder Fastenkur.

Wer glaubt, bei der Einkehr in Badeorten etwas ganz raffiniert Gesundes auf den Tisch zu bekommen, wird enttäuscht. Gerade, daß man unter Umständen statt des sogenannten "Hotelhonigs" echten Bienenhonig zum Frühstück erhält. Aber achten Sie einmal auf die Augen einer Bedienung, bei der man rohe Haferflocken mit Nüssen bestellt. Eine Quarkspeise – hoher Eiweißgehalt, leicht verdaulich – mit Früchten wird eher in einem Landgasthof serviert als in einem Bad. Im Landgasthof hat man Quark wenigstens im Haus, weil ihn die Wirtsfamilie selber ißt, wenn sie ihn auch nicht in die Gaststube bringt. Aber sonst? "Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch" – deutschen Wirten wundermild ist kein goldener Apfel, sondern ein Cordon bleu das Schild. Da klagen sie darüber, daß sie ihre Küche nur stundenweise offenhalten könnten – 1 aber auf den Gedanken, für den leichten Imbiß der betriebsarmen Zeit beispielsweise Quark auf die Speisekarte zu setzen, kommen sie nicht.

Es keimt der Verdacht, daß man das Geschäft mit der Gesundheit nur insoweit betreibt, als es einen selbst gesund zu machen imstande ist.

H. L.